Gedanken & Links zur Woche #18: Tech-Messies und das Beenden von Dingen


Die Woche ist schon wieder fast vorbei, aber das Wichtigste steht uns noch bevor: die Wahlen in Frankreich.

Mich hat über das Wochenende aber auch ein anderer Gedanke beschäftigt: Quitting. Nein, nicht das Rauchen, den Job oder die Beziehung. Sondern das Thema „Quitting“ und Technologie.

Es gibt so viele Tech-Messies da draußen. Die Leute abonnieren, registrieren, installieren. Apps, Cloud-Services, Social Networks, Subscriptions… All das wirkt manchmal wie eine Einbahnstraße, denn wann deinstallieren und kündigen wir eigentlich?

Das ist keine Überraschung. All das Marketing, die Milliarden-Budgets in Werbung, befördern das „Hinzufügen von Dingen“ in unser Leben. Wer gibt uns schon Anreize zum Entmisten und Loswerden?

Unternehmen sicherlich nicht. Im Gegenteil. Sie versuchen uns abhängig zu machen (vom Autor von „Hooked“, ein Klassiker zu dem Thema mittlerweile). Wir werden in Ökosysteme hineingezogen, geraten unter sozialen Druck bestimmte Dinge zu nutzen.

Und das Hinzufügen ist so leicht, es tut nicht weh. Viele Dinge sind kostenlos verfügbar, weil wir uns selbst zum Produkt machen. Digitale Services türmen sich auch nicht mehr im Schrank zuhause auf. Sie lagern unsichtbar in der digitalen Welt, sie verstopfen weder unsere Festplatte noch unsere Wohnung.

Und dennoch ist das Beenden von Dingen wichtiger denn je zuvor. Es ist die größte Waffe, die Konsumenten haben.

Du bist mit der Firmenpolitik von Uber nicht einverstanden? Quit it. Ein Dienst ändert seine AGBs, ohne dies verständlich zu erklären? Quit it. Du nimmst deinen Facebook Newsfeed mehr wahr als deine Familie? Quit it.

Das Beenden von Dingen ist eine Kernfähigkeit in der heutigen Zeit. Wer nicht Dinge beendet, kann keine neuen beginnen. Und die digitalisierte Welt dreht sich immer schneller. Always forward, never backward. Mehr Mut zum Beenden und dafür Platz für Neues schaffen!

Ein Großmeister des Beendens ist übrigens Tech-Journalist Paul Carr. Er hat seine Alkoholabhängigkeit beendet, seine Uber-App bereits vor über fünf Jahren deinstalliert, ein großartiges Rücktrittsschreiben bei seinem damaligen Arbeitgeber Techcrunch geschrieben, all seine Online-Accounts gelöscht und schließlich dem Silicon Valley komplett den Rücken gekehrt (Pando.com).

Wir sollten uns davon alle eine Scheibe abschneiden.

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WikiTribune, Republik und Co: Und der Journalismus lebt…

Trump hat den Journalismus gerettet. Und der Brexit hat sicherlich auch seinen Teil dazu beigetragen. Einige Publikationen, wie die New York Times, das WSJ und die Post, spüren das bereits bei Ihren Abo-Zahlen. Die Stimmung in den Redaktionen ist zwischen kampfeslustig, enthusiastisch und oft auch am Rande der Kräfte. Dazu ein schönes Porträt über die grey, old Lady (Spiegel) – Leseempfehlung!

Es ist offensichtlich geworden: Man muss keine Listicles, lustige GIFs und explodierende Wassermelonen vertreiben, um online Geld zu verdienen. Saubere Fakten, tiefe Recherche und vor allem Unabhängigkeit funktionieren als Kaufargument für Nachrichtenpublikationen. Die uralten Werte sind wieder gefragt und der Qualitätsjournalismus hat endlich wieder seinen USP gefunden.

Screenshot von NyTimes.com: Endlich wieder stolz auf die eigenen Qualitäten.

Es bedurfte des mächtigsten Mannes der Welt, der auf die Medien wie ein wilder Stier losging. Es hätte der Todesstoß für eine Branche sein können, die seit über zehn Jahren verzweifelt ihre Rolle in einer digitalisierten Welt suchte. Es kam aber anders. Ein notorisch lügender US-Präsident, der aufkeimende Populismus und ein wachsender Verdruss unzähliger Click-Bait-Formate verhilft den alten, ehrwürdigen Publikationen zur zweiten Luft.

Allerdings sind es nicht nur die etablierten Player. Es kommen aktuell unglaublich viele neue Publikationen auf den Markt. Es sind sehr spannende Zeiten für Journalisten und Leser. 

Hier eine Liste, bitte stöbern und bei Gefallen supporten:

  • Axios: Ein ambitioniertes Projekt von Politico Co-Founder Jim VandeHei. Der Clou: Ein verkürztes, übersichtliches Format für Berichterstattung über Tech, Politik und Wirtschaft. Erinnert mich durchaus auch an Quartz.
  • TheHustle: Ein täglicher Newsletter zu Tech- und Business-Themen. Sehr frech und erfrischend im Ton. Auf jeden Fall vielversprechend, immerhin haben Sie über 300.000 Abonnenten in einem Jahr einsammeln können.
  • TheOutline: Das neueste Projekt von Joshua Topolsky (davor bei TheVerge und Bloomberg aktiv). Topolsky ist bekannt für seine progressive Ansichten bezüglich Design und Geschäftsmodell von Publikationen. Die Handschrift erkennt man bei TheOutline zu 100 Prozent. Crazy modernes Design!
  • WikiTribune: About time, würde ich mal sagen. Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, nimmt sich dem Thema Fake News an. Ganz nach dem Wiki-Prinzip (jeder Artikel ist offen für Änderungen, Vorschläge und Erweiterungen) möchte das Team eine Plattform für kollaborativen Journalismus auf die Beine stellen. Letztlich also eine Mischung aus professionellen Journalisten und der Community. Das Funding läuft…
  • Republik: Kein deutsches Projekt in dieser Liste? Leider ja. Aber immerhin etwas deutschsprachiges. Das Schweizer Projekt – rund um den von mir sehr geschätzten Constantin Seibt – ist bereits jetzt das erfolgreichste Crowdfunding für ein journalistisches Projekt in Europa! Damit ist De Correspondent auf Platz 2 verdrängt worden. Hammer! Die Republik setzt übrigens auf eine Genossenschaft, den zahlenden Lesern gehört also der Verlag. Ganz ähnlich der taz und bei der funktioniert es prächtig. Ich bin gespannt.

Foto: Nein, hier gibt's nicht das neue iPhone zu kaufen. Leser stehen Schlange, um ein Abo von Republik.ch abzuschließen.

Es freut mich so unglaublich, wie viel gerade in der Branche abgeht. Und ich glaube, viele haben jetzt verstanden, dass wir einerseits die alten, journalistischen Tugenden als Basis nutzen und gleichzeitig unsere Gewohnheiten bezüglich Formate, Geschäftsmodell und Verbreitung über den Haufen werfen müssen. Digital first, but kick it like oldschool!

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Gedanken & Links zur Woche #17- Uber, Twitter und Digital Ads

Ein langes Wochenende – die beste Gelegenheit für ein paar Artikel mit Tiefgang. Ich habe mal wieder die Perlen der Berichterstattung der letzten Woche durchgestöbert und möchte hier einige Gedanken dazu loswerden.

WTF… Uber?

Was geht ab bei Uber? Das frage ich mich seit Monaten. Es ist nicht neu, dass die Fahrer wenig Rechte genießen (taz.de), auch war das Verhalten des Unternehmens im Rahmen des „Muslim Ban’s“ eine Katastrophe, was zur #DeleteUber-Kampagne führte. Ebenfalls bereits dieses Jahr ging eine ehemalige Mitarbeiterin an die Öffentlichkeit und berichtete von systematischer sexueller Belästigung im Unternehmen (TheGuardian). Und es geht weiter: Uber trackt seine App-Nutzer (NyTimes) – auch wenn diese die App bereits deinstalliert haben – und verstößt damit gegen die Richtlinien von Apples App Store. Tim Cook was not amused und hat die App um ein Haar aus dem Store geworfen. Das wäre womöglich das Ende des gesamten Unternehmens gewesen. 

Uber spielt mit dem Feuer. Oder genauer gesagt, sein CEO Travis Kalanick. Ich kann wirklich nur diesen Artikel in der NyTimes empfehlen. Ein detaillierte Analyse der Person Kalanick. 

Was kann man aus der ganzen Sache lernen?

  1. Uber ist wirklich schlecht in PR
  2. Uber wird von einem exzentrischen CEO geleitet, der die Cowboy-Mentalität im Silicon Valley besonders verkörpert: Zur Not geht es mit dem Kopf durch die Wand und Wachstum geht über alles. Außerdem ist Kalanick ein Zahlentyp und solche Zahlentypen haben meistens Probleme mit Kommunikation und Mitarbeiterführung.
  3. Die Gegner (davon gibt es viele) wird es freuen. Insbesondere die Taxiindustrie und Lyft (TNW).

Außerdem diese Woche lesenswert

  • Twitter ist seltsam. Der tägliche Nutzen, die öffentliche Wahrnehmung. Alles großartig, zumindest in meiner Filterblase. Als Geschäftsmodell und Investment-Case ist Twitter aber nach wie vor eine Katastrophe. Wie könnte man das ändern? (Techcrunch) Oder doch eher so? (Mediapost)
  • Ich beschrieb bereits, warum das Thema Online-Werbung ein leidiges ist. Aber muss es so bleiben? Nicht unbedingt, glaubt Klint Finley in seinem Artikel auf Wired.com. Weniger Tracking, bessere Formate und vor allem ein besseres Zusammenspiel zwischen Advertiser/Publikation und strengeren Regulierungen könnten die Situation verbessern.
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Mein Wunsch für Frankreich

Am Sonntag sind die Vorwahlen für die neue Regierung in Frankreich. Gleichzeitig entscheidet sich damit die Zukunft der Europäischen Union.

Deswegen dieser Post, ausnahmsweise ohne Bezug zu Tech- oder Medienthemen.

Ich bin 1985 geboren und in einer Zeit der Stabilität aufgewachsen. Weder Kalter Krieg noch ernsthafte Wirtschaftskrisen habe ich bewusst erlebt. Ereignisse wie 9/11 oder der Ukraine-Krieg wirkten auf mich immer beherrschbar. Der Kern, das demokratische System, stand.

Nun ist es anders und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Angst vor Instabilität - und ernsthaften Konsequenzen für meine/unsere Zukunft.

Franzosen, stimmt mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen ab. Denn darum geht es in einer Demokratie.

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Social Media und Ich. Beziehungsstatus: „Es ist kompliziert“

Ist Social Media tot? Eine provokante Frage. Immerhin haben die großen Netzwerke Facebook, Twitter und Instagram zusammen drei Milliarden Nutzer. Social Media hat Trump ins Amt geholfen und irgendein Teenager in den USA bekommt über drei Millionen Retweets, damit er ein Jahr lang kostenfrei Nuggets essen kann. Das Internet war eine große Erfindung, aber erst die Social Networks haben wirklich zu einer globalen Vernetzung geführt.

Warum also die Frage? Anfang des Jahres hat Martin Weigert (wohl mein liebster Tech-Blogger) in seinem Blog die Frage aufgeworfen, ob 2016 Social Media gestorben sei. Die Gründe dafür sind ganz persönlicher Natur: Martin hat seine Nutzung kontinuierlich runtergefahren und letztlich festgestellt, dass es ihm gut tut. Stichwort FOMO.

Social Media ist also zumindest für Martin ein Stückweit gestorben. Und auch ich habe bereits öfters mit meiner Nutzung gehadert, einige Zeit völlig verzichtet, nachdem ich mir eine Digitale Diät (vor fast fünf Jahren!) auferlegt hatte. Dann habe ich vor drei Jahren meine Masterarbeit über Twitter und Soziale Diplomatie geschrieben. Heute muss ich mich beruflich damit beschäftigen. Es war ein Auf und Ab und immer eine sehr kritische Nutzung meinerseits.

Aber zurück zum Thema. Tot sind die Netzwerke nicht. Allerdings ist einiges ins Rollen geraten. Die Netzwerke haben uns, die Nutzer, verändert. Und wenn sich die Nutzer verändern, müssen sich auch die Netzwerke verändern. Ein Kreislauf, der zerstörerisch zu sein scheint. 

Was sind die Symptome für den zerstörerischen Prozess?

1. Begrenzte Aufmerksamkeit und Marktsättigung

Aufmerksamkeit ist keine Massenware. Gleichzeitig ist sie aber die Währung, die wir für die Nutzung bezahlen. Wir alle haben nur begrenzte Zeit und Konzentration. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf Social Media bereits unterwegs und jedes neues Angebot oder Feature verdrängt dafür ein anderes. 

Dabei folgt die Entwicklung ganz normalen wirtschaftlichen Regeln. Am Anfang kommt ein Player und eröffnet einen ganz neuen Markt (Facebook) mit einem breiten Ziel („Wir vernetzen alle Menschen“). Neue Anbieter versuchen Sparten zu besetzen, entweder durch eine etwas andere Zielgruppe (Business, Teenager, Fotografen…) oder durch eine andere Herangehensweise. Die Nischennetzwerke führen zu größerer Diversifikation im Markt und die breite Mitte wird kleiner. Eine Entwicklung, die Zuckerberg früh erkannt hat und entsprechend auch Randnetzwerke aufgekauft hat (siehe dazu auch meine Gedanken von letzter Woche). 

Der Markt ist gesättigt. Weiter geht es nur über die Produktentwicklung. Und zwar Produkte, die uns die Möglichkeit geben, noch mehr Aufmerksamkeit in die Netzwerke zu stecken. Das ist der Grund, warum Facebook eine AR-Brille entwickelt. Obwohl wir das Smartphone bereits dutzende Male am Tag aus der Tasche ziehen – mit einer Brille wären wir quasi immer on.

Aber alles hat seine Grenzen und ein Aufschrei, wie der von Martin Weigert, ist mittlerweile fast schon Konsens. Die Menschen merken, dass die Nutzung sich in eine ungesunde Richtung entwickelt. Wir haben genug und zumindest in Einzelfällen kann dies zu radikalen Maßnahmen führen.

2. Exhibitionismus ist langweilig geworden

Die Generation Z nutzt Social Media vor allem zum Konsumieren und Vernetzen – nicht zum Teilen, wie eine Studie von Google ergeben hat. In den Anfangstagen von Facebook oder StudiVZ in Deutschland war das noch ganz anders. Es hatte einen großen Reiz persönliche Erlebnisse auf den Netzwerken zu teilen. Man wollte seine Freunde teilhaben lassen – und zwar im öffentlichen Raum. Allerdings war der Raum noch gar nicht so öffentlich. Auf Facebook hatte man eine Handvoll Kontakte, die man persönlich kannte. Eltern, Lehrer oder Arbeitskollegen waren (noch) nicht Teil davon.

Der Reiz, diese neue Möglichkeit, hielt einige Jahre. Viele mussten es auf die unangenehme Art lernen, dass Gefahren mit dem öffentlichen Agieren einhergehen. Ungeliebte Partybesucher standen auf der Matte, Mobbing passierte und Fotos lassen sich nicht so einfach aus dem Netz mehr löschen, wenn sie erst einmal öffentlich sind. 

Dann kamen die Messenger, die das Bedürfnis nach geschützteren Räumen bedienten. Der Trend geht zu mehr Anonymität und weg von der Massenkommunikation. 

Was hat das mit Facebook gemacht? Es wurde von einem Social Network zu Social Media. Eine Linkschleuder, die mit immer obskureren Methoden um die Aufmerksamkeit der Nutzer kämpft.

3. Der Traum schneller Popularität ist gestorben

Wer sich an die frühen Tage von Twitter erinnert, der weiß wovon ich spreche. Man folgte halt so gut wie jedem. Man mutete seinen Followern auch entsprechend viel zu. Der Klick auf den Retweet-Button ging wesentlich leichter von der Hand als Heute. Und all die Selbstdarsteller und „ich baue mir eine Marke auf“-Menschen hatten gute Chancen genau das zu schaffen. 

Heute sind die Interaktionen zurückhaltender und die sowieso schon populären Nutzer dominieren das Feld. Die Chancen für Neuaufsteiger sind schlecht und wie überall im Medienbereich muss man auch auf den Social Networks mittlerweile hart für Aufmerksamkeit arbeiten. Ein echter Bummer – aber wenig überraschend.

Früher war die Selbstdarstellung der Nutzer größtenteils naiv-authentisch. Heute gleicht sie eher durchgeplanter Werbung. Berechenbar, langweilig und kommerziell. 

Die Ernüchterung ist eingetreten

Social Media ist also nicht tot. Sie ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Entsprechend professionalisiert hat sich unsere Nutzung. Der anfängliche Reiz ist weg, die dunklen Seiten sind sichtbar geworden. Der Versuch noch mehr Aufmerksamkeit, mehr Nutzer zu gewinnen ist verständlich, aber das Potential ist nicht mehr groß. 

Social Media ist etabliert und damit so spannend wie Fernsehen, Radio oder eine Zeitschrift geworden. Das große Zeitalter der Social Networks ist vorbei.