Gedanken & Links zur Woche #17- Uber, Twitter und Digital Ads

Ein langes Wochenende – die beste Gelegenheit für ein paar Artikel mit Tiefgang. Ich habe mal wieder die Perlen der Berichterstattung der letzten Woche durchgestöbert und möchte hier einige Gedanken dazu loswerden.

WTF… Uber?

Was geht ab bei Uber? Das frage ich mich seit Monaten. Es ist nicht neu, dass die Fahrer wenig Rechte genießen (taz.de), auch war das Verhalten des Unternehmens im Rahmen des „Muslim Ban’s“ eine Katastrophe, was zur #DeleteUber-Kampagne führte. Ebenfalls bereits dieses Jahr ging eine ehemalige Mitarbeiterin an die Öffentlichkeit und berichtete von systematischer sexueller Belästigung im Unternehmen (TheGuardian). Und es geht weiter: Uber trackt seine App-Nutzer (NyTimes) – auch wenn diese die App bereits deinstalliert haben – und verstößt damit gegen die Richtlinien von Apples App Store. Tim Cook was not amused und hat die App um ein Haar aus dem Store geworfen. Das wäre womöglich das Ende des gesamten Unternehmens gewesen. 

Uber spielt mit dem Feuer. Oder genauer gesagt, sein CEO Travis Kalanick. Ich kann wirklich nur diesen Artikel in der NyTimes empfehlen. Ein detaillierte Analyse der Person Kalanick. 

Was kann man aus der ganzen Sache lernen?

  1. Uber ist wirklich schlecht in PR
  2. Uber wird von einem exzentrischen CEO geleitet, der die Cowboy-Mentalität im Silicon Valley besonders verkörpert: Zur Not geht es mit dem Kopf durch die Wand und Wachstum geht über alles. Außerdem ist Kalanick ein Zahlentyp und solche Zahlentypen haben meistens Probleme mit Kommunikation und Mitarbeiterführung.
  3. Die Gegner (davon gibt es viele) wird es freuen. Insbesondere die Taxiindustrie und Lyft (TNW).

Außerdem diese Woche lesenswert

  • Twitter ist seltsam. Der tägliche Nutzen, die öffentliche Wahrnehmung. Alles großartig, zumindest in meiner Filterblase. Als Geschäftsmodell und Investment-Case ist Twitter aber nach wie vor eine Katastrophe. Wie könnte man das ändern? (Techcrunch) Oder doch eher so? (Mediapost)
  • Ich beschrieb bereits, warum das Thema Online-Werbung ein leidiges ist. Aber muss es so bleiben? Nicht unbedingt, glaubt Klint Finley in seinem Artikel auf Wired.com. Weniger Tracking, bessere Formate und vor allem ein besseres Zusammenspiel zwischen Advertiser/Publikation und strengeren Regulierungen könnten die Situation verbessern.
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Mein Wunsch für Frankreich

Am Sonntag sind die Vorwahlen für die neue Regierung in Frankreich. Gleichzeitig entscheidet sich damit die Zukunft der Europäischen Union.

Deswegen dieser Post, ausnahmsweise ohne Bezug zu Tech- oder Medienthemen.

Ich bin 1985 geboren und in einer Zeit der Stabilität aufgewachsen. Weder Kalter Krieg noch ernsthafte Wirtschaftskrisen habe ich bewusst erlebt. Ereignisse wie 9/11 oder der Ukraine-Krieg wirkten auf mich immer beherrschbar. Der Kern, das demokratische System, stand.

Nun ist es anders und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Angst vor Instabilität - und ernsthaften Konsequenzen für meine/unsere Zukunft.

Franzosen, stimmt mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen ab. Denn darum geht es in einer Demokratie.

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Social Media und Ich. Beziehungsstatus: „Es ist kompliziert“

Ist Social Media tot? Eine provokante Frage. Immerhin haben die großen Netzwerke Facebook, Twitter und Instagram zusammen drei Milliarden Nutzer. Social Media hat Trump ins Amt geholfen und irgendein Teenager in den USA bekommt über drei Millionen Retweets, damit er ein Jahr lang kostenfrei Nuggets essen kann. Das Internet war eine große Erfindung, aber erst die Social Networks haben wirklich zu einer globalen Vernetzung geführt.

Warum also die Frage? Anfang des Jahres hat Martin Weigert (wohl mein liebster Tech-Blogger) in seinem Blog die Frage aufgeworfen, ob 2016 Social Media gestorben sei. Die Gründe dafür sind ganz persönlicher Natur: Martin hat seine Nutzung kontinuierlich runtergefahren und letztlich festgestellt, dass es ihm gut tut. Stichwort FOMO.

Social Media ist also zumindest für Martin ein Stückweit gestorben. Und auch ich habe bereits öfters mit meiner Nutzung gehadert, einige Zeit völlig verzichtet, nachdem ich mir eine Digitale Diät (vor fast fünf Jahren!) auferlegt hatte. Dann habe ich vor drei Jahren meine Masterarbeit über Twitter und Soziale Diplomatie geschrieben. Heute muss ich mich beruflich damit beschäftigen. Es war ein Auf und Ab und immer eine sehr kritische Nutzung meinerseits.

Aber zurück zum Thema. Tot sind die Netzwerke nicht. Allerdings ist einiges ins Rollen geraten. Die Netzwerke haben uns, die Nutzer, verändert. Und wenn sich die Nutzer verändern, müssen sich auch die Netzwerke verändern. Ein Kreislauf, der zerstörerisch zu sein scheint. 

Was sind die Symptome für den zerstörerischen Prozess?

1. Begrenzte Aufmerksamkeit und Marktsättigung

Aufmerksamkeit ist keine Massenware. Gleichzeitig ist sie aber die Währung, die wir für die Nutzung bezahlen. Wir alle haben nur begrenzte Zeit und Konzentration. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf Social Media bereits unterwegs und jedes neues Angebot oder Feature verdrängt dafür ein anderes. 

Dabei folgt die Entwicklung ganz normalen wirtschaftlichen Regeln. Am Anfang kommt ein Player und eröffnet einen ganz neuen Markt (Facebook) mit einem breiten Ziel („Wir vernetzen alle Menschen“). Neue Anbieter versuchen Sparten zu besetzen, entweder durch eine etwas andere Zielgruppe (Business, Teenager, Fotografen…) oder durch eine andere Herangehensweise. Die Nischennetzwerke führen zu größerer Diversifikation im Markt und die breite Mitte wird kleiner. Eine Entwicklung, die Zuckerberg früh erkannt hat und entsprechend auch Randnetzwerke aufgekauft hat (siehe dazu auch meine Gedanken von letzter Woche). 

Der Markt ist gesättigt. Weiter geht es nur über die Produktentwicklung. Und zwar Produkte, die uns die Möglichkeit geben, noch mehr Aufmerksamkeit in die Netzwerke zu stecken. Das ist der Grund, warum Facebook eine AR-Brille entwickelt. Obwohl wir das Smartphone bereits dutzende Male am Tag aus der Tasche ziehen – mit einer Brille wären wir quasi immer on.

Aber alles hat seine Grenzen und ein Aufschrei, wie der von Martin Weigert, ist mittlerweile fast schon Konsens. Die Menschen merken, dass die Nutzung sich in eine ungesunde Richtung entwickelt. Wir haben genug und zumindest in Einzelfällen kann dies zu radikalen Maßnahmen führen.

2. Exhibitionismus ist langweilig geworden

Die Generation Z nutzt Social Media vor allem zum Konsumieren und Vernetzen – nicht zum Teilen, wie eine Studie von Google ergeben hat. In den Anfangstagen von Facebook oder StudiVZ in Deutschland war das noch ganz anders. Es hatte einen großen Reiz persönliche Erlebnisse auf den Netzwerken zu teilen. Man wollte seine Freunde teilhaben lassen – und zwar im öffentlichen Raum. Allerdings war der Raum noch gar nicht so öffentlich. Auf Facebook hatte man eine Handvoll Kontakte, die man persönlich kannte. Eltern, Lehrer oder Arbeitskollegen waren (noch) nicht Teil davon.

Der Reiz, diese neue Möglichkeit, hielt einige Jahre. Viele mussten es auf die unangenehme Art lernen, dass Gefahren mit dem öffentlichen Agieren einhergehen. Ungeliebte Partybesucher standen auf der Matte, Mobbing passierte und Fotos lassen sich nicht so einfach aus dem Netz mehr löschen, wenn sie erst einmal öffentlich sind. 

Dann kamen die Messenger, die das Bedürfnis nach geschützteren Räumen bedienten. Der Trend geht zu mehr Anonymität und weg von der Massenkommunikation. 

Was hat das mit Facebook gemacht? Es wurde von einem Social Network zu Social Media. Eine Linkschleuder, die mit immer obskureren Methoden um die Aufmerksamkeit der Nutzer kämpft.

3. Der Traum schneller Popularität ist gestorben

Wer sich an die frühen Tage von Twitter erinnert, der weiß wovon ich spreche. Man folgte halt so gut wie jedem. Man mutete seinen Followern auch entsprechend viel zu. Der Klick auf den Retweet-Button ging wesentlich leichter von der Hand als Heute. Und all die Selbstdarsteller und „ich baue mir eine Marke auf“-Menschen hatten gute Chancen genau das zu schaffen. 

Heute sind die Interaktionen zurückhaltender und die sowieso schon populären Nutzer dominieren das Feld. Die Chancen für Neuaufsteiger sind schlecht und wie überall im Medienbereich muss man auch auf den Social Networks mittlerweile hart für Aufmerksamkeit arbeiten. Ein echter Bummer – aber wenig überraschend.

Früher war die Selbstdarstellung der Nutzer größtenteils naiv-authentisch. Heute gleicht sie eher durchgeplanter Werbung. Berechenbar, langweilig und kommerziell. 

Die Ernüchterung ist eingetreten

Social Media ist also nicht tot. Sie ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Entsprechend professionalisiert hat sich unsere Nutzung. Der anfängliche Reiz ist weg, die dunklen Seiten sind sichtbar geworden. Der Versuch noch mehr Aufmerksamkeit, mehr Nutzer zu gewinnen ist verständlich, aber das Potential ist nicht mehr groß. 

Social Media ist etabliert und damit so spannend wie Fernsehen, Radio oder eine Zeitschrift geworden. Das große Zeitalter der Social Networks ist vorbei.

Gedanken & Links zur Woche #16

Facebook war das große Thema der Woche. Die siebte Entwicklerkonferenz F8 fand in Kalifornien statt und im Fokus stand ganz klar Augmented Reality (ReCode). Es sieht so aus, als würde Zuckerberg eine AR-Brille produzieren wollen. Das ist bemerkenswert aus zweierlei Gründen: Google Glass kam bereits vor drei Jahren auf den Markt. Und im letzten Jahr brachte Snapchat die Spectacles auf den Markt. Facebook ist also late to the game.

Aber das sind sie eigentlich meistens – und meistens auch ohne Nachteil. Denn: Es sind nicht innovative Features, die die marktbeherrschende Stellung verteidigen, sondern das gigantische Netzwerk mit seiner unglaublichen Nutzerzahl (NYTimes). So hat FB auch schon beim Video Live Streaming agiert: Sie waren nicht die ersten, aber sie haben die Nutzerbasis, um ein Feature an die Massen zu bringen. Und wenn Snap Inc. ausruft eine Camera-Company zu sein? Dann kommt Zuckerberg und haut neue Kamera-Features raus.

Und da ist noch etwas, was man in dieser Woche gelernt hat: Facebook ist ein Monopol und spielt diesen Vorteil auch gnadenlos aus. Nun, Monopole sind meistens schlecht für eine ganze Branche, auch wenn das Peter Thiel anders sieht – man möge sein Buch „Zero to One“ lesen, beziehungsweise den Artikel „Competition is for Losers“ (WSJ) – Fakt ist aber, Microsoft musste es bereits auf die harte Tour lernen und Facebook sicherlich auch in absehbarer Zeit. Eine – wie immer – sehr gute Analyse dazu von Ben Thompson: Facebook and the Cost of Monopoly (Stratechery).

Bis zur nächsten Woche.

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Google ist der Meister der Informationen, aber nicht des Sozialen

Früher war das Internet anders. Wilder, vielfältiger und weniger kommerziell. Wie der Wilde Westen. Viele pilgerten ins Web, um sich eigenständig eine Präsenz aufzubauen. Einen Platz für sich zu beanspruchen und am Rausch der technischen Möglichkeiten Teil zu haben. Dabei ging es mitunter chaotisch zu, es gab kaum Standards und meistens waren die neuen Siedler auf Do-It-Yourself angewiesen. Eben eine Pionierzeit. Doch wie beim echten Wilden Westen der USA im 19. Jahrhundert, werden die frühen Tage des Internets oft romantisiert und es dauerte nicht lange, bis Gesetzgeber und Unternehmen Struktur ins Chaos brachten. 

Der wichtigste Player war und ist Google. Als die Suchmaschine Ende der 90er Jahre die vielen kleinen Informationsinseln durchsuchbar machte und das Internet plötzlich als ein Ganzes greifbar wurde, veränderte sich die Netzkultur. Was für den Wilden Westen die transkontinentale Eisenbahn war, ist für das Internet der heranwachsende Gigant Google. Er eint, kommerzialisiert und vertreibt die Anarchie. In den 2000er Jahren hat sich Google zur Heftklammer des offenen Webs entwickelt, sich als Startseite zu einem Informationsimperium durchgesetzt. Doch seitdem hat sich fast alles verändert. Das sogenannte Soziale Netz entstand, die Ära von geschlossenen Plattformen und App-Stores. Hat Google also ein ernsthaftes Problem?

Googles Erfolg ist völlig abhängig von einem einzigen Geschäftsmodell

Das sieht auf dem Papier nicht danach aus. Der Umsatz aus Anzeigenerlösen hat sich in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Pro Sekunde bearbeitet die Suchmaschine 2,3 Millionen Anfragen und kann dabei Ergebnisse aus 60 Billionen indizierten Webseiten liefern. Insbesondere die Suche auf Mobilgeräten konnte in den letzten Jahren für weiteres Wachstum bei den Anzeigen sorgen. 1,4 Milliarden Nutzer verzeichnet das Google-eigene Betriebssystem Android, das standardmäßig natürlich die Google-Suche nutzt. Das sind Zahlen, die einen schwindelig machen.

Aber Google ist verwundbar. 90 Prozent des Umsatzes wird durch Werbung gemacht. Die restlichen zehn Prozent – mit Ausnahme der Erlöse aus dem Google Play Store und Google Apps – stammen aus den experimentellen Moonshot-Projekten wie Google Glass oder selbstfahrende Autos. Seit der Umstrukturierung in die Muttergesellschaft „Alphabet“ sind zum ersten Mal detailliertere Zahlen zu den Projekten abseits des Anzeigengeschäfts bekannt geworden. Und sie sind ein Verlustgeschäft. 3,6 Milliarden Dollar Miese hat Google 2015 damit gemacht. Sicher, das ist für Google keine beunruhigende Summe und diese Projekte sollen größtenteils erst in der fernen Zukunft Profit machen, aber es zeigt deutlich, dass Google derzeit kein zweites Standbein besitzt. 

Es ist nicht so, als hätte Google diese Entwicklung nicht frühzeitig erkannt. Der Konzern hat sich mit aller Macht dagegengestemmt. Seit dem Bestehen hat Google 170 Unternehmen aufgekauft, darunter große Übernahmen wie Motorola oder Nest Labs. Nur als Vergleich, Apple hat im selben Zeitraum 26 Firmen erworben, Facebook seit 2005 ganze 57. Man könnte das jetzt als DNA von Google sehen – ein aggressiver Wettbewerber. Oder als die Suche nach einem zweiten Standbein und der schwierigen Aufgabe eines Dinosauriers des Internets, den schnellen Entwicklungen standzuhalten. 

Schaut man sich das einzige Standbein, die Anzeigenerlöse, genauer an, wird ein weiterer Schwachpunkt deutlich: Google erwirtschaftet den Löwenanteil der Werbeumsätze, 80 Prozent, auf seinen eigenen Seiten und Diensten. Zwar existieren keine genauen Zahlen, wie sich hier die Umsätze aufteilen, aber die mit Abstand populärsten anzeigenfinanzierten Dienste von Google sind die Suche, Gmail und YouTube. 

Sowohl die Suche, als auch Gmail, sind tief im offenen Web verankert. Sie setzen auf offene Standards und sind jeweils Marktführer in ihrem Bereich. Zusammengefasst ist Google also ein Anzeigenunternehmen, das das meiste Geld mit Werbung auf seinen eigenen Diensten macht und die beiden erfolgreichsten Dienste sind wiederum abhängig von offenen Standards. Wenn sich geschlossene Plattformen und proprietäre Protokolle durchsetzen, dann hat Google in der Tat ein Problem.

Das Katastrophenszenario für Google: Wenn Inhalte hinter Mauern verschwinden und offene Protokolle verdrängt werden

Sucht man nach einem Wort, das die Entwicklung des Internets heute bezeichnet, würde Zentralisierung passen. Weg von Hunderten von Lesezeichen für einzelne Webseiten, zusammengesuchten RSS-Feeds und hin zu wenigen, mächtigen Anlaufstellen für Besucher. Diese Knotenpunkte horten riesige Mengen an Inhalten und sind zentral kontrolliert. Das populärste Beispiel ist Facebook, das nicht nur an Nutzern wachsen möchte, sondern eigentlich das ganze offene Internet durch einen riesigen Trichter in die eigenen, kontrollierten vier Wände schütten möchte.

Evan Williams ist jemand, der sicherlich weiß wovon er spricht. Er hat Blogger und Twitter mitbegründet und ist nun CEO von Medium. In einem Interview mit Forbes sagte er den Tod der individuellen Webseite voraus:

„The idea won’t be to start a website. That will be dead. The individual website won’t matter. The Internet is not going to be about billions of people going to millions of websites. It will be about getting it from centralized websites.“

Überleben werden geschlossene Plattformen, die die Tür für Mitbewerber jederzeit schließen oder öffnen können. Die beste Suche nutzt nichts ohne eine große Menge an Inhalten. Facebook beheimatet mittlerweile über zwei Billionen Posts und die Suche wird rege genutzt, letztes Jahr vermeldete der Konzern 1,5 Milliarden Suchanfragen täglich. Google kann mit fünf bis sechs Milliarden Suchanfragen dagegenhalten. Allerdings hat Facebook seine Suchfunktion erst letztes Jahr wirklich nutzbar gemacht und indexiert nun alle Inhalte im Netzwerk. Eine beeindruckende Aufholjagd von Facebook. Und das Soziale Netzwerk ist dabei nicht auf den Zugang zu den Inhalten von Drittanbietern angewiesen.

Ist heute noch die Google Suche der Startpunkt für die meisten Recherchen, könnte Facebook bald die erste Adresse für das Aufstöbern von Informationen sein. Facebooken statt Googlen.

Ähnlich sieht es bei der proprietären Konkurrenz für Gmail aus. Geschlossene Systeme sind auf dem Vormarsch, bieten ein besseres Nutzererlebnis und passen sich schneller aktuellen Trends an. Sie sind direkter, effizienter und so mancher Teenager sieht keine Notwendigkeit mehr darin, überhaupt eine zu besitzen. Auch im Unternehmensbereich hat der Erfolg von Slack und Konsorten gezeigt: Der offene Standard der Email, der es ermöglicht, dass jeder einen Email-Server im Wohnzimmer aufsetzen kann, ist auf dem Rückmarsch. Messenger ersetzen Emails bereits in weiten Teilen und wieder ist ein Spieler Google Meilenweit voraus: Facebook.

Googles weitgehend erfolgloser Versuch: Google+

Google ist ein Meister der Informationen. Kein Unternehmen kann auf ein vergleichbares Repertoire zurückgreifen. Auch Technik kann der Konzern. Die Produkte sind stabil und man ist Qualität gewohnt. Aber kann Google auch social? 

Man versucht es jedenfalls. Vielleicht ist Orkut ein Begriff? Wohl eher nicht, denn das Netzwerk lief in Deutschland weitgehend unter dem Radar, war allerdings bis zu seiner Einstellung vor zwei Jahren ein recht populäres Netzwerk in Indien und Brasilien. Bis Facebook es langsam aber sicher verdrängte und das obwohl Orkut bereits länger am Markt war. Und Google Wave? Ein kurzweiliger Versuch, die Email sozialer zu machen. Und dann natürlich Google+. 

Ist Google+ tot, am sterben oder lebendig? Das fragen sich Techanalysten seit etwa zwei Jahren. Google+ war immer ein künstliches Produkt ohne natürliches Wachstum. In den Markt gedrückt mit der Reichweite, die eben nur Google besitzt. Den Nutzern wurde das Plus fast aufgezwungen – das Netzwerk sollte der alles vereinende Dienst bei Google werden. Die Nutzer waren und sind in großen Scharen auch da. 2,2 Milliarden Profile. Aber sie sind nicht aktiv. Beziehungsweise nur ein Prozent davon, Tendenz sinkend. Sie haben keine Lust, ihre Klarnamen, Geburtstage oder Fotos zu teilen und für einen regen Nachrichtenstrom zu sorgen. Sie fühlen sich nicht heimelig und der als Datenkrake verschriene Konzern kann sich das social offensichtlich nicht aufschminken.

Was von Google+ mittlerweile noch bleibt, ist kein Soziales Netzwerk mehr. Es sind hervorragende Einzeldienste, die eben technisch toll sind, wie Google Photos oder Hangout, aber Google kann nicht social. Das sozialste was der Durschnittsnutzer bei Google macht – ist sich selbst zu googlen.

Google ist ein Unternehmen, das seinen Ursprung im Wilden Westen des Internets hat. Es liegt in dessen DNA, den Profit aus dem chaotischen Informationshaufen zu ziehen. Facebook hingegen hat sich sein eigenes Reich geschaffen. Umzäunt und kontrolliert mit einem begnadeten CEO. Es ziehen schwere Zeiten für Google auf – oder zumindest für deren Brot-und-Butter-Geschäft, den Anzeigen. Man darf bereits leise sagen: Google ist etwas aus der Zeit gefallen.

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