Gedanken & Links zur Woche #16

Facebook war das große Thema der Woche. Die siebte Entwicklerkonferenz F8 fand in Kalifornien statt und im Fokus stand ganz klar Augmented Reality (ReCode). Es sieht so aus, als würde Zuckerberg eine AR-Brille produzieren wollen. Das ist bemerkenswert aus zweierlei Gründen: Google Glass kam bereits vor drei Jahren auf den Markt. Und im letzten Jahr brachte Snapchat die Spectacles auf den Markt. Facebook ist also late to the game.

Aber das sind sie eigentlich meistens – und meistens auch ohne Nachteil. Denn: Es sind nicht innovative Features, die die marktbeherrschende Stellung verteidigen, sondern das gigantische Netzwerk mit seiner unglaublichen Nutzerzahl (NYTimes). So hat FB auch schon beim Video Live Streaming agiert: Sie waren nicht die ersten, aber sie haben die Nutzerbasis, um ein Feature an die Massen zu bringen. Und wenn Snap Inc. ausruft eine Camera-Company zu sein? Dann kommt Zuckerberg und haut neue Kamera-Features raus.

Und da ist noch etwas, was man in dieser Woche gelernt hat: Facebook ist ein Monopol und spielt diesen Vorteil auch gnadenlos aus. Nun, Monopole sind meistens schlecht für eine ganze Branche, auch wenn das Peter Thiel anders sieht – man möge sein Buch „Zero to One“ lesen, beziehungsweise den Artikel „Competition is for Losers“ (WSJ) – Fakt ist aber, Microsoft musste es bereits auf die harte Tour lernen und Facebook sicherlich auch in absehbarer Zeit. Eine – wie immer – sehr gute Analyse dazu von Ben Thompson: Facebook and the Cost of Monopoly (Stratechery).

Bis zur nächsten Woche.

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Google ist der Meister der Informationen, aber nicht des Sozialen

Früher war das Internet anders. Wilder, vielfältiger und weniger kommerziell. Wie der Wilde Westen. Viele pilgerten ins Web, um sich eigenständig eine Präsenz aufzubauen. Einen Platz für sich zu beanspruchen und am Rausch der technischen Möglichkeiten Teil zu haben. Dabei ging es mitunter chaotisch zu, es gab kaum Standards und meistens waren die neuen Siedler auf Do-It-Yourself angewiesen. Eben eine Pionierzeit. Doch wie beim echten Wilden Westen der USA im 19. Jahrhundert, werden die frühen Tage des Internets oft romantisiert und es dauerte nicht lange, bis Gesetzgeber und Unternehmen Struktur ins Chaos brachten. 

Der wichtigste Player war und ist Google. Als die Suchmaschine Ende der 90er Jahre die vielen kleinen Informationsinseln durchsuchbar machte und das Internet plötzlich als ein Ganzes greifbar wurde, veränderte sich die Netzkultur. Was für den Wilden Westen die transkontinentale Eisenbahn war, ist für das Internet der heranwachsende Gigant Google. Er eint, kommerzialisiert und vertreibt die Anarchie. In den 2000er Jahren hat sich Google zur Heftklammer des offenen Webs entwickelt, sich als Startseite zu einem Informationsimperium durchgesetzt. Doch seitdem hat sich fast alles verändert. Das sogenannte Soziale Netz entstand, die Ära von geschlossenen Plattformen und App-Stores. Hat Google also ein ernsthaftes Problem?

Googles Erfolg ist völlig abhängig von einem einzigen Geschäftsmodell

Das sieht auf dem Papier nicht danach aus. Der Umsatz aus Anzeigenerlösen hat sich in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Pro Sekunde bearbeitet die Suchmaschine 2,3 Millionen Anfragen und kann dabei Ergebnisse aus 60 Billionen indizierten Webseiten liefern. Insbesondere die Suche auf Mobilgeräten konnte in den letzten Jahren für weiteres Wachstum bei den Anzeigen sorgen. 1,4 Milliarden Nutzer verzeichnet das Google-eigene Betriebssystem Android, das standardmäßig natürlich die Google-Suche nutzt. Das sind Zahlen, die einen schwindelig machen.

Aber Google ist verwundbar. 90 Prozent des Umsatzes wird durch Werbung gemacht. Die restlichen zehn Prozent – mit Ausnahme der Erlöse aus dem Google Play Store und Google Apps – stammen aus den experimentellen Moonshot-Projekten wie Google Glass oder selbstfahrende Autos. Seit der Umstrukturierung in die Muttergesellschaft „Alphabet“ sind zum ersten Mal detailliertere Zahlen zu den Projekten abseits des Anzeigengeschäfts bekannt geworden. Und sie sind ein Verlustgeschäft. 3,6 Milliarden Dollar Miese hat Google 2015 damit gemacht. Sicher, das ist für Google keine beunruhigende Summe und diese Projekte sollen größtenteils erst in der fernen Zukunft Profit machen, aber es zeigt deutlich, dass Google derzeit kein zweites Standbein besitzt. 

Es ist nicht so, als hätte Google diese Entwicklung nicht frühzeitig erkannt. Der Konzern hat sich mit aller Macht dagegengestemmt. Seit dem Bestehen hat Google 170 Unternehmen aufgekauft, darunter große Übernahmen wie Motorola oder Nest Labs. Nur als Vergleich, Apple hat im selben Zeitraum 26 Firmen erworben, Facebook seit 2005 ganze 57. Man könnte das jetzt als DNA von Google sehen – ein aggressiver Wettbewerber. Oder als die Suche nach einem zweiten Standbein und der schwierigen Aufgabe eines Dinosauriers des Internets, den schnellen Entwicklungen standzuhalten. 

Schaut man sich das einzige Standbein, die Anzeigenerlöse, genauer an, wird ein weiterer Schwachpunkt deutlich: Google erwirtschaftet den Löwenanteil der Werbeumsätze, 80 Prozent, auf seinen eigenen Seiten und Diensten. Zwar existieren keine genauen Zahlen, wie sich hier die Umsätze aufteilen, aber die mit Abstand populärsten anzeigenfinanzierten Dienste von Google sind die Suche, Gmail und YouTube. 

Sowohl die Suche, als auch Gmail, sind tief im offenen Web verankert. Sie setzen auf offene Standards und sind jeweils Marktführer in ihrem Bereich. Zusammengefasst ist Google also ein Anzeigenunternehmen, das das meiste Geld mit Werbung auf seinen eigenen Diensten macht und die beiden erfolgreichsten Dienste sind wiederum abhängig von offenen Standards. Wenn sich geschlossene Plattformen und proprietäre Protokolle durchsetzen, dann hat Google in der Tat ein Problem.

Das Katastrophenszenario für Google: Wenn Inhalte hinter Mauern verschwinden und offene Protokolle verdrängt werden

Sucht man nach einem Wort, das die Entwicklung des Internets heute bezeichnet, würde Zentralisierung passen. Weg von Hunderten von Lesezeichen für einzelne Webseiten, zusammengesuchten RSS-Feeds und hin zu wenigen, mächtigen Anlaufstellen für Besucher. Diese Knotenpunkte horten riesige Mengen an Inhalten und sind zentral kontrolliert. Das populärste Beispiel ist Facebook, das nicht nur an Nutzern wachsen möchte, sondern eigentlich das ganze offene Internet durch einen riesigen Trichter in die eigenen, kontrollierten vier Wände schütten möchte.

Evan Williams ist jemand, der sicherlich weiß wovon er spricht. Er hat Blogger und Twitter mitbegründet und ist nun CEO von Medium. In einem Interview mit Forbes sagte er den Tod der individuellen Webseite voraus:

„The idea won’t be to start a website. That will be dead. The individual website won’t matter. The Internet is not going to be about billions of people going to millions of websites. It will be about getting it from centralized websites.“

Überleben werden geschlossene Plattformen, die die Tür für Mitbewerber jederzeit schließen oder öffnen können. Die beste Suche nutzt nichts ohne eine große Menge an Inhalten. Facebook beheimatet mittlerweile über zwei Billionen Posts und die Suche wird rege genutzt, letztes Jahr vermeldete der Konzern 1,5 Milliarden Suchanfragen täglich. Google kann mit fünf bis sechs Milliarden Suchanfragen dagegenhalten. Allerdings hat Facebook seine Suchfunktion erst letztes Jahr wirklich nutzbar gemacht und indexiert nun alle Inhalte im Netzwerk. Eine beeindruckende Aufholjagd von Facebook. Und das Soziale Netzwerk ist dabei nicht auf den Zugang zu den Inhalten von Drittanbietern angewiesen.

Ist heute noch die Google Suche der Startpunkt für die meisten Recherchen, könnte Facebook bald die erste Adresse für das Aufstöbern von Informationen sein. Facebooken statt Googlen.

Ähnlich sieht es bei der proprietären Konkurrenz für Gmail aus. Geschlossene Systeme sind auf dem Vormarsch, bieten ein besseres Nutzererlebnis und passen sich schneller aktuellen Trends an. Sie sind direkter, effizienter und so mancher Teenager sieht keine Notwendigkeit mehr darin, überhaupt eine zu besitzen. Auch im Unternehmensbereich hat der Erfolg von Slack und Konsorten gezeigt: Der offene Standard der Email, der es ermöglicht, dass jeder einen Email-Server im Wohnzimmer aufsetzen kann, ist auf dem Rückmarsch. Messenger ersetzen Emails bereits in weiten Teilen und wieder ist ein Spieler Google Meilenweit voraus: Facebook.

Googles weitgehend erfolgloser Versuch: Google+

Google ist ein Meister der Informationen. Kein Unternehmen kann auf ein vergleichbares Repertoire zurückgreifen. Auch Technik kann der Konzern. Die Produkte sind stabil und man ist Qualität gewohnt. Aber kann Google auch social? 

Man versucht es jedenfalls. Vielleicht ist Orkut ein Begriff? Wohl eher nicht, denn das Netzwerk lief in Deutschland weitgehend unter dem Radar, war allerdings bis zu seiner Einstellung vor zwei Jahren ein recht populäres Netzwerk in Indien und Brasilien. Bis Facebook es langsam aber sicher verdrängte und das obwohl Orkut bereits länger am Markt war. Und Google Wave? Ein kurzweiliger Versuch, die Email sozialer zu machen. Und dann natürlich Google+. 

Ist Google+ tot, am sterben oder lebendig? Das fragen sich Techanalysten seit etwa zwei Jahren. Google+ war immer ein künstliches Produkt ohne natürliches Wachstum. In den Markt gedrückt mit der Reichweite, die eben nur Google besitzt. Den Nutzern wurde das Plus fast aufgezwungen – das Netzwerk sollte der alles vereinende Dienst bei Google werden. Die Nutzer waren und sind in großen Scharen auch da. 2,2 Milliarden Profile. Aber sie sind nicht aktiv. Beziehungsweise nur ein Prozent davon, Tendenz sinkend. Sie haben keine Lust, ihre Klarnamen, Geburtstage oder Fotos zu teilen und für einen regen Nachrichtenstrom zu sorgen. Sie fühlen sich nicht heimelig und der als Datenkrake verschriene Konzern kann sich das social offensichtlich nicht aufschminken.

Was von Google+ mittlerweile noch bleibt, ist kein Soziales Netzwerk mehr. Es sind hervorragende Einzeldienste, die eben technisch toll sind, wie Google Photos oder Hangout, aber Google kann nicht social. Das sozialste was der Durschnittsnutzer bei Google macht – ist sich selbst zu googlen.

Google ist ein Unternehmen, das seinen Ursprung im Wilden Westen des Internets hat. Es liegt in dessen DNA, den Profit aus dem chaotischen Informationshaufen zu ziehen. Facebook hingegen hat sich sein eigenes Reich geschaffen. Umzäunt und kontrolliert mit einem begnadeten CEO. Es ziehen schwere Zeiten für Google auf – oder zumindest für deren Brot-und-Butter-Geschäft, den Anzeigen. Man darf bereits leise sagen: Google ist etwas aus der Zeit gefallen.

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Das leidige Thema Online-Werbung

Eine Übersicht und Lösungsansätze, denn keiner hat mehr Bock auf Werbebanner 

Das Internet war immer ein Raum für kostenfreie Inhalte. Ein Selbstbedienungsladen für Texte, Fotos, Videos und Musik. Als vor 20 Jahren die ersten Medienmarken anfingen mit dem weltweiten Netz zu experimentieren, wusste noch keiner, ob sich eine Webseite kommerzialisieren lässt. 10 Jahre später, als die Ambitionen ernster wurden und das Internet keine kleine Gemeinschaft von Nerds mehr war, setzten die meisten Publisher auf Werbebanner. Es blinkte und lärmte auf der ganzen Seite. Pop-ups waren damals ein heißes Thema und ein großes Ärgernis für die Leser.

Das Netz wurde kommerziell. Irgendwie. Jetzt war es ein Selbstbedienungsladen, indem man sich durch Werbeanzeigen durchschlängeln musste und vor lauter Pop-ups gerne mal die Orientierung verlor. Es war eine grausame Zeit für Leser, oder wie man damals gerne sagte: Internetsurfer. Übrigens: Der Erfinder der Pop-up-Werbung heißt Ethan Zuckerman. Das ist 20 Jahre her, aber ihr dürft ihm gerne Dankesbriefe schreiben.

Noch heute sind die Banner überall präsent. Der durchschnittliche Internetnutzer bekommt über 1.700 Werbebanner pro Monat angezeigt. Wer also bereits seit fünf Jahren aktiv Nachrichten im Internet liest, hat wahrscheinlich an die 100.000 Werbeanzeigen angezeigt bekommen — ungefragt. Eine wahnsinnige Zahl.

Doch die reine Masse sagt nichts über die Qualität der Werbung aus beziehungsweise ob die Werbebotschaften beim Nutzer ankommen. Denn Werbebanner haben sich nicht nur als sehr aufdringliche Werbeform herausgestellt, sie sind auch reichlich ineffizient. Eine Faustregel, die bereits seit mehreren Jahren gilt: Wird ein Werbebanner 1000 Mal angezeigt, wird es im Schnitt weniger als einmal angeklickt. In der Fachsprache nennt man dieses Verhältnis „Clickthrough Rate“ (CTR).

Das ist vor allem ein Problem für die Betreiber von Webseiten, da diese von den Anzeigenkunden meistens nur für tatsächliche Klicks auf die Banner bezahlt werden. Man muss also mehr als 10.000 Besucher auf die Seite locken, um zehn Klicks zu generieren. Hinzu kommt die zunehmende Verbreitung von Bots, also vermeintliche Besucher, die auf Werbung klicken und letztlich aber nur computergenerierte Klicks sind. 11 Prozent der Klicks sind durchschnittlich Fake.

Für die Werbetreibenden also ein mühsames Geschäft und für die Leser ein nerviges Übel. Und sogar ein gefährliches: Im April 2013 wurden massenhaft Schadprogramme über Werbebanner in die Geräte der Leser eingeschleust. Dafür musste man noch nicht einmal in die dunklen Ecken des Internets geraten, sondern populäre Nachrichtenseiten waren davon betroffen. Und wer nicht Opfer von Schadsoftware wird, der wird sich zumindest über das permanente Tracking ärgern.

Tracker sind kleine Scripte, die bei jedem Aufruf einer Webseite aktiviert werden. Sie schöpfen Informationen über den Nutzer ab um Profile zu erstellen, personalisierte Werbung anzuzeigen, Nutzerzahlen zu analysieren und auch über Webseiten hinweg den Leser verfolgen zu können. Schon mal bei Amazon nach einer neuen Jacke gesucht und in den folgenden Tagen auf Spiegel Online immer passende Angebote in den Werbebannern vorgesetzt bekommen? Das ist Tracking.

In einer Untersuchung der populärsten Nachrichtenseiten wurde festgestellt, dass im Durchschnitt 30 Tracker aktiv sind. Das heißt, 30 verschiedene Firmen sammeln gleichzeitig Informationen über jeden Besucher.

Wieso lassen wir uns das gefallen? Nun, die meisten lassen es sich nicht gefallen. Die einfachste Lösung sind Werbeblocker. Vorteil: Zumindest einige Tracker werden dadurch geblockt, die Seiten laden schneller (um bis zu 60 Prozent) und man sieht die Werbung natürlich nicht mehr.

Etwa 25 Prozent der Deutschen setzen Adblocker bereits ein. Die Tendenz ist seit Jahren steigend, vor allem auf Mobilgeräten werden die Blocker immer beliebter. Die Nutzer wollen auf den kleinen Displays keine Banner, keinen unnötigen Traffic und längere Ladezeiten.

Diese Entwicklung ist natürlich ein zweischneidiges Schwert: Journalistische Inhalte sind in der Produktion teuer und die Verlage müssen ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Sonst gibt es auch keine hochwertigen Texte mehr. Doch so lange das Geschäftsmodell für Online-Journalismus hauptsächlich auf Anzeigen beruht, bewegen sich die Produzenten und die Konsumenten in Richtung Sackgasse.

Das ist seit Jahren bekannt, aber die großen Verlage tun sich mit alternativen Finanzierungsmodellen schwer. Über Jahrzehnte war anzeigenfinanzierter Journalismus ein sehr lukratives Geschäft. Jetzt mutet es an, als würden die Verlage wie mächtige Dampfer auf hoher See nur quälend langsam den Kurs ändern.

Was also tun? In den letzten Jahren haben sich die unterschiedlichsten Ansätze hervorgetan.

Die brachiale Methode: Adblocker blocken

Leser, die einen Adblocker in ihrem Browser installiert haben, werden aufgefordert diese abzuschalten oder sie werden direkt von der Seite ausgesperrt. Wer populäre Nachrichtenseiten wie die New York Times, Washington Post, Wired oder auch Bild.de mit aktiviertem Adblocker aufruft, dem wird der Zugang verwehrt. Wobei die meisten Adblocker sich darauf bereits eingestellt haben und die Erkennungsmechanismen der Webseiten austricksen können. Es ist ein Katz und Maus-Spiel.

Die vermeintlich einfache Lösung: Paywalls

Die Paywall (oder Bezahlschranke) als Lösung liegt eigentlich auf der Hand. Verlage stellen Inhalte zur Verfügung und müssen damit Geld verdienen. Also muss jeder bezahlen, der Zugriff möchte. Ein transparenter Deal, verständlich für Jedermann. Also easy? Nein, leider nicht.

Das Hauptproblem ist die Isolation der Seite und das schwere Hinzugewinnen von neuen Abonnenten. Der Großteil der Besucher kommt mittlerweile von Facebook und Twitter. Die Leser möchten interessante Artikel mit ihren Freunden teilen. Die meisten der Freunden werden aber kein zahlungspflichtiges Abo haben und somit bleibt der Zugriff auf den Artikel verwehrt. Wer möchte seine Freunde so vor den Kopf stoßen? Auch wird sich kaum jemand für ein Abo entscheiden, wenn er vorher sich nicht selbst von der Qualität und den Themen der Inhalte überzeugen kann.

Zwar gibt es auch hierfür bereits Lösungsansätze, so ist die „löchrige Paywall“ mittlerweile ein beliebtes Modell. Nutzer können eine bestimmte Anzahl von Artikeln pro Monat frei aufrufen und werden erst danach zur Kasse gebeten. Man möchte die Inhalte also nicht ganz unsichtbar werden lassen. Allerdings fällt es den meisten Marken schwer, den Mehrwert vom Bezahlen zu vermitteln. Die wichtigsten Nachrichten findet man im Internet immer kostenfrei, warum also für bestimmte Angebote bezahlen?

Die Zwischenlösung: Native Advertising

Ein Native Ad ist ein werblicher Text (oder Foto, Video, Audio), der optisch in die redaktionellen Texte eingebunden ist und inhaltlich einen für den Leser interessanten Mehrwert liefern sollte. Hört sich kompliziert an? Ist es eigentlich nicht und es ist auch nichts wirklich Neues. Jeder kennt aus der Tageszeitung die Verlagsbeilagen. Zugegeben, ein Begriff, der etwas irreführend ist. Native Werbung ist begrifflich treffender. Letztlich geht es um subtilere Werbung, die weder Optik noch Lesefluss stört.

Die großen Vorteile und auch Gründe, warum Native Ads in den letzten Jahren populär wurden: Sie funktionieren wunderbar auf Mobilgeräten und lassen sich auf jeder Plattform leicht einbinden. Also vor allem auch in Sozialen Netzwerken. Zudem ist die Akzeptanz (wenn sie gut gemacht sind) bei den Lesern wesentlich höher.

Ein positives Beispiel ist dieses Native Ad der New York Times zur neuen Netflix-Serie „Orange is the new Black“. Der Beitrag ist gut sichtbar als „Paid Post“ gekennzeichnet, bietet interessante Inhalte, die ordentlich recherchiert sind und fügt sich wunderbar in die Webseite ein. Der Beitrag kann wie jeder andere Artikel über Social Media geteilt werden (worauf der Werbetreibende natürlich auch spekuliert). All das ist mit Werbebannern nicht möglich.

Native Ads kommen natürlicher daher. Sie scheinen nicht durch Tracker und Analytics getrieben zu sein, sondern sind offensichtlich durch Menschen verfasste Wörter, die einem etwas geben (und einem nicht schaden) wollen. Sie geben den Lesern das, wonach sie eben suchen: tolle Geschichten — Storytelling. Und nebenbei finanzieren sie Redakteure, Reporter, Herausgeber und Fotografen.

Native Advertising hat enormes Potential, wenn damit achtsam umgegangen wird. Wer gesponsorte Inhalte nicht als solche kennzeichnet, verspielt das Vertrauen seiner Leser. Und ohne Vertrauen funktioniert Journalismus nicht. Jeder Leser hat das Recht zu wissen, welches Unternehmen für welche Inhalte bezahlt.

Zusammengefasst (tl;dr) 

Werbebanner sind total letztes Jahrzehnt, nerven und funktionieren im mobilen Internet nicht. Die gerechte Strafe sind Adblocker, die aber zu keiner Lösung führen und wer Adblocker blocken möchte, kämpft den Kampf gegen die Windmühlen. Paywalls sind eine naheliegende Lösung, zerstören aber die Idee von einem offenen und vernetzten Internet und funktionieren auch nicht für jede Marke. Native Ads sind der Hoffnungsträger, der einen Mittelweg vorschlägt: Inhalte mit Mehrwert, die zur Finanzierung von Journalismus beitragen.

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Quartz zeigt uns die Zukunft vom Online-Publishing

Manchmal ist es ein tolles Gefühl Fan von etwas zu sein. Viele sind Fans von Fußballclubs, Urlaubszielen oder Automarken. Ich übrigens vom SC Freiburg, Kroatien und Volvo. Für Medienmarken ist es wesentlich schwieriger eine Fan-Base aufzubauen. Klar, es gibt die sehr prestigeträchtigen Marken wie die New York Times, der Spiegel oder das Time Magazine. Aber das Verhältnis zum Leser ist in diesen Beispielen meist weniger durch Emotionen (und das macht einen Fan aus), sondern vielmehr durch Vertrauen, Tradition und Qualität geprägt. Ein News-Outlet hat es in den letzten Monaten allerdings geschafft, dass ich Fan geworden bin: Quartz. Ich könnte also etwas eingenommen klingen, aber der News-Nerd in mir freut sich einfach.

Für das digitale Zeitalter gemacht und mit genug Geld versorgt

Wie konnte es das junge Medienunternehmen auf mittlerweile 16 Millionen monatlicher Besucher (September 2016) bringen? Ich glaube vor allem aus diesen zwei Gründen:

  • Das junge Projekt hat von Beginn an auf die Möglichkeiten und die Anforderungen des digitalen Journalismus gesetzt. Keine alten Zöpfe, die erst gekappt werden müssen oder Generationenkonflikte zwischen On- und Offline. Quartz hat auf den wachsenden Markt der mobilen Internetnutzung gesetzt und ist 2012 mit einer mobile-first Website gestartet. Quartz hat all das einfach mal umgesetzt, über das die Szene seit Jahren sinniert. In der Selbstbeschreibung wird das ganz treffend beschrieben: „Like Wired in the 1990s and The Economist in the 1840s, Quartz embodies the era in which it is being created.“
  • Man hat ordentlich Geld in die Hand genommen und konnte durch das Mutterunternehmen Atlantic Media Mitarbeiter von Bloomberg, Wall Street Journal und der New York Times gewinnen. Ein schnelles Wachstum war auch durch regionalisierte Ausgaben möglich. So startete Quartz mit Indien (2014) und Afrika (2015) erste Ableger, weitere sollen folgen.

Mein zweites Argument trifft auch auf andere junge Medienunternehmen wie Gawker Media, Vox Media oder erfolgreiche neue Publikationen wie Buzzfeed und Business Insider. Jeder hat davon Innovationen hervorgebracht. Quartz hat nun aber eine sehr interessante Neuentwicklung vorgestellt: eine News-App fürs iPhone.

Eine News-API für verschiedene Medien

Man hat sich viel Zeit mit der ersten App gelassen. Etwas ungewöhnlich für ein modernes Publishing-Unternehmen. Das liegt aber vor allem an dem Selbstverständnis von Quartz und dem Chefredakteur Zachary Seward. Er beschreibt Quartz als eine API. Ich bin großer Fan dieser Sichtweise. Entscheidend sind die Inhalte, die von fähigen Redakteuren „eingespeist“ werden. Inhalte sind das zentrale Produkt und können dann über verschiedene Kanäle verwertet werden. 

Before we built qz.com, we built the Quartz API. (On day one, someone had already started playing with it.) Today the API’s primary customer remains qz.com, but it could go in all sorts of directions. Our philosophy has always been to put as little friction as possible between us and our readers, and our API is an advantage in living up to that ideal.

Die Website ist dabei eine Art Stream der API. Hier bekommt man eine Übersicht aktueller Artikel. Bewusst gibt es aber keine prominente Kategorisierung oder Gewichtung der Inhalte. Dafür sind anddere und eigenständige Produkte zuständig. Zum Beispiel der tägliche Newsletter „Daily Brief“. Dieser beschränkt sich auf wenige Themen und Links und bietet für die Mehrzahl der Leser eine ausreichende Filterung für die wesentlichen News. Dabei agiert der Newsletter recht eigenständig von der Website. Andere News-Outlets werden verlinkt und angeteasert, man versucht nicht mit allen Mitteln die Leser auf Qz.com zu schicken:

We’ve all met people who, when you say you work for Quartz, start gushing, “Oh, I loooooove the email.” And then you keep talking and start to realize that they don’t even know that Quartz is a website, too, or at least don’t visit it much.

Die API ermöglicht der Redaktion die Inhalte dorthin zu bringen, wo die Leser auch sind. Das zeigt der erfolgreiche „Daily Brief“ und das soll nun auch die neue App bewerkstelligen.

Die App setzt auf einen Messenger-Stil und Notifications

Warum hat man sich also so lange Zeit für die App gelassen? Laut Eigenbeschreibung zielt Quartz doch vor allem auf Mobile und Tablets? Quartz hat aus zwei Gründen gezögert:

  1. Man wollte keine zusätzliche Barriere zwischen Leser und Inhalten haben (App Stores, verschiedene OS, Sharing)
  2. Man suchte nach der richtigen Idee. Eine simple Abbildung der Website in einer App schien keine sinnvolle Lösung.

So sagte Zachary Seward vor fast vier Jahren gegenüber AllThingsD: „It seems very clear that the Web is far more suited for sharing of news and articles, and we want everybody to access our stuff…“. Heute hört sich das bei Herausgeber Jay Lauf so an: 

One of the things that changes the landscape with apps is notifications. Notifications are an increasingly popular mechanism for staying abreast of news and information and staying connected with brands. Apps certainly give you the opportunity for that. This app also allows us to experiment with different content types, and ways of executing our journalism that are more native to an app environment than they are to a web environment.

Die App ist wirklich experimentell und hat vor allem eine Funktionsweise, die sich im Web so nicht umsetzen lassen würde. Sie kommuniziert mit dem Leser. Zwar sehr eingeschränkt, man bekommt immer zwei Optionen als Antwort, also ähnlich wie bei einem Point-and-Click-Adventure (oder auch „Pseudodialog“). Sewards beschreibt das Interface im Kern so: "somewhere between a 'choose your own adventure' interface, and a chat with a friend, and a serious news briefing“. 

Außer dem für eine News-App ungewöhnlichen Interface, fallen mir einige weitere Sachen auf:

  • Die Menge der Nachrichten ist beschränkt. Meist gibt es in etwa 4-5 Meldungen, danach ist man durch. Sehr angenehm, man bekommt das Gefühl alles erledigt zu haben und über das Wichtigste informiert zu sein. Perfekt zum Überbrücken von kurzen Wartezeiten.
  • Durch das aktive Entscheiden des Lesers, ob er an einer Nachricht interessiert ist, gewinnt Quartz sicherlich wichtige Daten über die Interessen der Leser.
  • Die Quartz-Macher zeigen wieder, dass sie eine internetaffine Leserschaft ansprechen. Man greift nerdige Trends wie Emoticons, GIF-Animationen und ein stark an iMessage orientiertes Layout auf.

Die App hat Potenzial. Ich genieße die Berechenbarkeit des Layouts: Die Werbung ist simpel eingebettet, es gibt keine Überraschungen, die die Bedienung stören würden. Eventuell wird das Frage-Antwort-Spiel mit der Zeit langweilig, aber Quartz hat einmal mehr gezeigt, dass man nicht den gewohnten Denkmustern folgt, sondern News über neue Kanäle verbreiten möchte. Und damit eben auch wirklich die technischen Möglichkeiten ausnutzt und die neuen Verhaltensmuster der Leser beachtet. 

Das Internet ging auf die neue App jedenfalls Steil und es gibt einige hochwertige Leseempfehlungen dazu. Check it out:

  • NiemanLab: With an interface that looks like a chat platform, Quartz wants to text you the news in its new app
  • Zeit.de: Im Chat mit dem Weltgeschehen
  • Vocer: Meinungen zur neuen Quartz-App
  • Meshedsociety.com: Quartz’s New App Has Come Half Way in Reinventing News
  • Medium.com (Johannes Klingebiel): What is Conversational Journalism?
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Die Nische für ultralange Texte

Wenn du ein durchschnittlicher Leser bist, dann habe ich für diesen Artikel ganze 15 Sekunden deiner Aufmerksamkeit. Das reicht in der Regel für etwa 28 Prozent des Textes. Ein Trend, der sich mit zunehmender mobiler Nutzung noch weiter verschärft. Journalismus wird immer mehr zum Häppchen, das zwischen zwei Bahnhaltestellen oder in der Zigarettenpause konsumiert wird. 

Angebote wie Buzzfeed, NYT Now, Vine oder Twitter haben sich auf dieses Nutzungsverhalten eingestellt. Häppchen, Listen und Kurzvideos. 

Aber überall wo sich ein Trend entwickelt, entsteht auch eine Nische. Eine kleine Gegenbewegung. In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff Long-form Journalism etabliert. Texte, die mehrere Tausend Wörter umfassen und so gar nicht für den Zwischendurchkonsum gemacht sind. Länger als ein Magazin-Artikel und kürzer als ein Buch. Urvater dieses vermeintlich neuen Genres ist der Snowfall-Artikel der New York Times von 2012.

Ein echtes Nischenprodukt, das nach gängiger Ansicht der Branche eigentlich kaum Erfolgschancen haben sollte, ist Wait But Why. Der Longform-Blog hat in etwa so viele Fans auf Facebook wie die FAZ. Ein zweiteiliger Artikel über künstliche Intelligenz wurde 60.000 Mal geteilt. Ein anderer Artikel über die Eigenheiten der Generation Y kommt auf über eine halbe Millionen Shares. Auf Wait But Why erscheint etwa ein Artikel im Monat. Das ganze wird von einem Autor (und seinem Kumpel, der sich um das Organisatorische kümmert) gestemmt. 30 bis 40 Stunden Arbeit für einen einzigen Artikel sind dabei keine Seltenheit, so der Autor in einem lesenswerten Portrait auf FastCompany

Es scheint, als würde dort das Paradies für Journalisten herrschen. Und all das, ohne Millioneninvestition, in anderthalb Jahren aufgebaut. Mittlerweile zählt man stolze 1,6 Millionen Unique Users im Monat.

Ich glaube als Journalist kann man sehr happy sein, dass solche Projekte funktionieren. Ich höre es immer wieder von vielen Bekannten, die sich über die Oberflächlichkeit von Artikeln auf SpOn oder SZ.de beklagen. Gerade wenn das Thema interessant wird, ist der Beitrag bereits wieder zu Ende.

Brauchen wir mehr Mut für ultralange Texte?

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