Das leidige Thema Online-Werbung

Eine Übersicht und Lösungsansätze, denn keiner hat mehr Bock auf Werbebanner 

Das Internet war immer ein Raum für kostenfreie Inhalte. Ein Selbstbedienungsladen für Texte, Fotos, Videos und Musik. Als vor 20 Jahren die ersten Medienmarken anfingen mit dem weltweiten Netz zu experimentieren, wusste noch keiner, ob sich eine Webseite kommerzialisieren lässt. 10 Jahre später, als die Ambitionen ernster wurden und das Internet keine kleine Gemeinschaft von Nerds mehr war, setzten die meisten Publisher auf Werbebanner. Es blinkte und lärmte auf der ganzen Seite. Pop-ups waren damals ein heißes Thema und ein großes Ärgernis für die Leser.

Das Netz wurde kommerziell. Irgendwie. Jetzt war es ein Selbstbedienungsladen, indem man sich durch Werbeanzeigen durchschlängeln musste und vor lauter Pop-ups gerne mal die Orientierung verlor. Es war eine grausame Zeit für Leser, oder wie man damals gerne sagte: Internetsurfer. Übrigens: Der Erfinder der Pop-up-Werbung heißt Ethan Zuckerman. Das ist 20 Jahre her, aber ihr dürft ihm gerne Dankesbriefe schreiben.

Noch heute sind die Banner überall präsent. Der durchschnittliche Internetnutzer bekommt über 1.700 Werbebanner pro Monat angezeigt. Wer also bereits seit fünf Jahren aktiv Nachrichten im Internet liest, hat wahrscheinlich an die 100.000 Werbeanzeigen angezeigt bekommen — ungefragt. Eine wahnsinnige Zahl.

Doch die reine Masse sagt nichts über die Qualität der Werbung aus beziehungsweise ob die Werbebotschaften beim Nutzer ankommen. Denn Werbebanner haben sich nicht nur als sehr aufdringliche Werbeform herausgestellt, sie sind auch reichlich ineffizient. Eine Faustregel, die bereits seit mehreren Jahren gilt: Wird ein Werbebanner 1000 Mal angezeigt, wird es im Schnitt weniger als einmal angeklickt. In der Fachsprache nennt man dieses Verhältnis „Clickthrough Rate“ (CTR).

Das ist vor allem ein Problem für die Betreiber von Webseiten, da diese von den Anzeigenkunden meistens nur für tatsächliche Klicks auf die Banner bezahlt werden. Man muss also mehr als 10.000 Besucher auf die Seite locken, um zehn Klicks zu generieren. Hinzu kommt die zunehmende Verbreitung von Bots, also vermeintliche Besucher, die auf Werbung klicken und letztlich aber nur computergenerierte Klicks sind. 11 Prozent der Klicks sind durchschnittlich Fake.

Für die Werbetreibenden also ein mühsames Geschäft und für die Leser ein nerviges Übel. Und sogar ein gefährliches: Im April 2013 wurden massenhaft Schadprogramme über Werbebanner in die Geräte der Leser eingeschleust. Dafür musste man noch nicht einmal in die dunklen Ecken des Internets geraten, sondern populäre Nachrichtenseiten waren davon betroffen. Und wer nicht Opfer von Schadsoftware wird, der wird sich zumindest über das permanente Tracking ärgern.

Tracker sind kleine Scripte, die bei jedem Aufruf einer Webseite aktiviert werden. Sie schöpfen Informationen über den Nutzer ab um Profile zu erstellen, personalisierte Werbung anzuzeigen, Nutzerzahlen zu analysieren und auch über Webseiten hinweg den Leser verfolgen zu können. Schon mal bei Amazon nach einer neuen Jacke gesucht und in den folgenden Tagen auf Spiegel Online immer passende Angebote in den Werbebannern vorgesetzt bekommen? Das ist Tracking.

In einer Untersuchung der populärsten Nachrichtenseiten wurde festgestellt, dass im Durchschnitt 30 Tracker aktiv sind. Das heißt, 30 verschiedene Firmen sammeln gleichzeitig Informationen über jeden Besucher.

Wieso lassen wir uns das gefallen? Nun, die meisten lassen es sich nicht gefallen. Die einfachste Lösung sind Werbeblocker. Vorteil: Zumindest einige Tracker werden dadurch geblockt, die Seiten laden schneller (um bis zu 60 Prozent) und man sieht die Werbung natürlich nicht mehr.

Etwa 25 Prozent der Deutschen setzen Adblocker bereits ein. Die Tendenz ist seit Jahren steigend, vor allem auf Mobilgeräten werden die Blocker immer beliebter. Die Nutzer wollen auf den kleinen Displays keine Banner, keinen unnötigen Traffic und längere Ladezeiten.

Diese Entwicklung ist natürlich ein zweischneidiges Schwert: Journalistische Inhalte sind in der Produktion teuer und die Verlage müssen ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Sonst gibt es auch keine hochwertigen Texte mehr. Doch so lange das Geschäftsmodell für Online-Journalismus hauptsächlich auf Anzeigen beruht, bewegen sich die Produzenten und die Konsumenten in Richtung Sackgasse.

Das ist seit Jahren bekannt, aber die großen Verlage tun sich mit alternativen Finanzierungsmodellen schwer. Über Jahrzehnte war anzeigenfinanzierter Journalismus ein sehr lukratives Geschäft. Jetzt mutet es an, als würden die Verlage wie mächtige Dampfer auf hoher See nur quälend langsam den Kurs ändern.

Was also tun? In den letzten Jahren haben sich die unterschiedlichsten Ansätze hervorgetan.

Die brachiale Methode: Adblocker blocken

Leser, die einen Adblocker in ihrem Browser installiert haben, werden aufgefordert diese abzuschalten oder sie werden direkt von der Seite ausgesperrt. Wer populäre Nachrichtenseiten wie die New York Times, Washington Post, Wired oder auch Bild.de mit aktiviertem Adblocker aufruft, dem wird der Zugang verwehrt. Wobei die meisten Adblocker sich darauf bereits eingestellt haben und die Erkennungsmechanismen der Webseiten austricksen können. Es ist ein Katz und Maus-Spiel.

Die vermeintlich einfache Lösung: Paywalls

Die Paywall (oder Bezahlschranke) als Lösung liegt eigentlich auf der Hand. Verlage stellen Inhalte zur Verfügung und müssen damit Geld verdienen. Also muss jeder bezahlen, der Zugriff möchte. Ein transparenter Deal, verständlich für Jedermann. Also easy? Nein, leider nicht.

Das Hauptproblem ist die Isolation der Seite und das schwere Hinzugewinnen von neuen Abonnenten. Der Großteil der Besucher kommt mittlerweile von Facebook und Twitter. Die Leser möchten interessante Artikel mit ihren Freunden teilen. Die meisten der Freunden werden aber kein zahlungspflichtiges Abo haben und somit bleibt der Zugriff auf den Artikel verwehrt. Wer möchte seine Freunde so vor den Kopf stoßen? Auch wird sich kaum jemand für ein Abo entscheiden, wenn er vorher sich nicht selbst von der Qualität und den Themen der Inhalte überzeugen kann.

Zwar gibt es auch hierfür bereits Lösungsansätze, so ist die „löchrige Paywall“ mittlerweile ein beliebtes Modell. Nutzer können eine bestimmte Anzahl von Artikeln pro Monat frei aufrufen und werden erst danach zur Kasse gebeten. Man möchte die Inhalte also nicht ganz unsichtbar werden lassen. Allerdings fällt es den meisten Marken schwer, den Mehrwert vom Bezahlen zu vermitteln. Die wichtigsten Nachrichten findet man im Internet immer kostenfrei, warum also für bestimmte Angebote bezahlen?

Die Zwischenlösung: Native Advertising

Ein Native Ad ist ein werblicher Text (oder Foto, Video, Audio), der optisch in die redaktionellen Texte eingebunden ist und inhaltlich einen für den Leser interessanten Mehrwert liefern sollte. Hört sich kompliziert an? Ist es eigentlich nicht und es ist auch nichts wirklich Neues. Jeder kennt aus der Tageszeitung die Verlagsbeilagen. Zugegeben, ein Begriff, der etwas irreführend ist. Native Werbung ist begrifflich treffender. Letztlich geht es um subtilere Werbung, die weder Optik noch Lesefluss stört.

Die großen Vorteile und auch Gründe, warum Native Ads in den letzten Jahren populär wurden: Sie funktionieren wunderbar auf Mobilgeräten und lassen sich auf jeder Plattform leicht einbinden. Also vor allem auch in Sozialen Netzwerken. Zudem ist die Akzeptanz (wenn sie gut gemacht sind) bei den Lesern wesentlich höher.

Ein positives Beispiel ist dieses Native Ad der New York Times zur neuen Netflix-Serie „Orange is the new Black“. Der Beitrag ist gut sichtbar als „Paid Post“ gekennzeichnet, bietet interessante Inhalte, die ordentlich recherchiert sind und fügt sich wunderbar in die Webseite ein. Der Beitrag kann wie jeder andere Artikel über Social Media geteilt werden (worauf der Werbetreibende natürlich auch spekuliert). All das ist mit Werbebannern nicht möglich.

Native Ads kommen natürlicher daher. Sie scheinen nicht durch Tracker und Analytics getrieben zu sein, sondern sind offensichtlich durch Menschen verfasste Wörter, die einem etwas geben (und einem nicht schaden) wollen. Sie geben den Lesern das, wonach sie eben suchen: tolle Geschichten — Storytelling. Und nebenbei finanzieren sie Redakteure, Reporter, Herausgeber und Fotografen.

Native Advertising hat enormes Potential, wenn damit achtsam umgegangen wird. Wer gesponsorte Inhalte nicht als solche kennzeichnet, verspielt das Vertrauen seiner Leser. Und ohne Vertrauen funktioniert Journalismus nicht. Jeder Leser hat das Recht zu wissen, welches Unternehmen für welche Inhalte bezahlt.

Zusammengefasst (tl;dr) 

Werbebanner sind total letztes Jahrzehnt, nerven und funktionieren im mobilen Internet nicht. Die gerechte Strafe sind Adblocker, die aber zu keiner Lösung führen und wer Adblocker blocken möchte, kämpft den Kampf gegen die Windmühlen. Paywalls sind eine naheliegende Lösung, zerstören aber die Idee von einem offenen und vernetzten Internet und funktionieren auch nicht für jede Marke. Native Ads sind der Hoffnungsträger, der einen Mittelweg vorschlägt: Inhalte mit Mehrwert, die zur Finanzierung von Journalismus beitragen.

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Quartz zeigt uns die Zukunft vom Online-Publishing

Manchmal ist es ein tolles Gefühl Fan von etwas zu sein. Viele sind Fans von Fußballclubs, Urlaubszielen oder Automarken. Ich übrigens vom SC Freiburg, Kroatien und Volvo. Für Medienmarken ist es wesentlich schwieriger eine Fan-Base aufzubauen. Klar, es gibt die sehr prestigeträchtigen Marken wie die New York Times, der Spiegel oder das Time Magazine. Aber das Verhältnis zum Leser ist in diesen Beispielen meist weniger durch Emotionen (und das macht einen Fan aus), sondern vielmehr durch Vertrauen, Tradition und Qualität geprägt. Ein News-Outlet hat es in den letzten Monaten allerdings geschafft, dass ich Fan geworden bin: Quartz. Ich könnte also etwas eingenommen klingen, aber der News-Nerd in mir freut sich einfach.

Für das digitale Zeitalter gemacht und mit genug Geld versorgt

Wie konnte es das junge Medienunternehmen auf mittlerweile 16 Millionen monatlicher Besucher (September 2016) bringen? Ich glaube vor allem aus diesen zwei Gründen:

  • Das junge Projekt hat von Beginn an auf die Möglichkeiten und die Anforderungen des digitalen Journalismus gesetzt. Keine alten Zöpfe, die erst gekappt werden müssen oder Generationenkonflikte zwischen On- und Offline. Quartz hat auf den wachsenden Markt der mobilen Internetnutzung gesetzt und ist 2012 mit einer mobile-first Website gestartet. Quartz hat all das einfach mal umgesetzt, über das die Szene seit Jahren sinniert. In der Selbstbeschreibung wird das ganz treffend beschrieben: „Like Wired in the 1990s and The Economist in the 1840s, Quartz embodies the era in which it is being created.“
  • Man hat ordentlich Geld in die Hand genommen und konnte durch das Mutterunternehmen Atlantic Media Mitarbeiter von Bloomberg, Wall Street Journal und der New York Times gewinnen. Ein schnelles Wachstum war auch durch regionalisierte Ausgaben möglich. So startete Quartz mit Indien (2014) und Afrika (2015) erste Ableger, weitere sollen folgen.

Mein zweites Argument trifft auch auf andere junge Medienunternehmen wie Gawker Media, Vox Media oder erfolgreiche neue Publikationen wie Buzzfeed und Business Insider. Jeder hat davon Innovationen hervorgebracht. Quartz hat nun aber eine sehr interessante Neuentwicklung vorgestellt: eine News-App fürs iPhone.

Eine News-API für verschiedene Medien

Man hat sich viel Zeit mit der ersten App gelassen. Etwas ungewöhnlich für ein modernes Publishing-Unternehmen. Das liegt aber vor allem an dem Selbstverständnis von Quartz und dem Chefredakteur Zachary Seward. Er beschreibt Quartz als eine API. Ich bin großer Fan dieser Sichtweise. Entscheidend sind die Inhalte, die von fähigen Redakteuren „eingespeist“ werden. Inhalte sind das zentrale Produkt und können dann über verschiedene Kanäle verwertet werden. 

Before we built qz.com, we built the Quartz API. (On day one, someone had already started playing with it.) Today the API’s primary customer remains qz.com, but it could go in all sorts of directions. Our philosophy has always been to put as little friction as possible between us and our readers, and our API is an advantage in living up to that ideal.

Die Website ist dabei eine Art Stream der API. Hier bekommt man eine Übersicht aktueller Artikel. Bewusst gibt es aber keine prominente Kategorisierung oder Gewichtung der Inhalte. Dafür sind anddere und eigenständige Produkte zuständig. Zum Beispiel der tägliche Newsletter „Daily Brief“. Dieser beschränkt sich auf wenige Themen und Links und bietet für die Mehrzahl der Leser eine ausreichende Filterung für die wesentlichen News. Dabei agiert der Newsletter recht eigenständig von der Website. Andere News-Outlets werden verlinkt und angeteasert, man versucht nicht mit allen Mitteln die Leser auf Qz.com zu schicken:

We’ve all met people who, when you say you work for Quartz, start gushing, “Oh, I loooooove the email.” And then you keep talking and start to realize that they don’t even know that Quartz is a website, too, or at least don’t visit it much.

Die API ermöglicht der Redaktion die Inhalte dorthin zu bringen, wo die Leser auch sind. Das zeigt der erfolgreiche „Daily Brief“ und das soll nun auch die neue App bewerkstelligen.

Die App setzt auf einen Messenger-Stil und Notifications

Warum hat man sich also so lange Zeit für die App gelassen? Laut Eigenbeschreibung zielt Quartz doch vor allem auf Mobile und Tablets? Quartz hat aus zwei Gründen gezögert:

  1. Man wollte keine zusätzliche Barriere zwischen Leser und Inhalten haben (App Stores, verschiedene OS, Sharing)
  2. Man suchte nach der richtigen Idee. Eine simple Abbildung der Website in einer App schien keine sinnvolle Lösung.

So sagte Zachary Seward vor fast vier Jahren gegenüber AllThingsD: „It seems very clear that the Web is far more suited for sharing of news and articles, and we want everybody to access our stuff…“. Heute hört sich das bei Herausgeber Jay Lauf so an: 

One of the things that changes the landscape with apps is notifications. Notifications are an increasingly popular mechanism for staying abreast of news and information and staying connected with brands. Apps certainly give you the opportunity for that. This app also allows us to experiment with different content types, and ways of executing our journalism that are more native to an app environment than they are to a web environment.

Die App ist wirklich experimentell und hat vor allem eine Funktionsweise, die sich im Web so nicht umsetzen lassen würde. Sie kommuniziert mit dem Leser. Zwar sehr eingeschränkt, man bekommt immer zwei Optionen als Antwort, also ähnlich wie bei einem Point-and-Click-Adventure (oder auch „Pseudodialog“). Sewards beschreibt das Interface im Kern so: "somewhere between a 'choose your own adventure' interface, and a chat with a friend, and a serious news briefing“. 

Außer dem für eine News-App ungewöhnlichen Interface, fallen mir einige weitere Sachen auf:

  • Die Menge der Nachrichten ist beschränkt. Meist gibt es in etwa 4-5 Meldungen, danach ist man durch. Sehr angenehm, man bekommt das Gefühl alles erledigt zu haben und über das Wichtigste informiert zu sein. Perfekt zum Überbrücken von kurzen Wartezeiten.
  • Durch das aktive Entscheiden des Lesers, ob er an einer Nachricht interessiert ist, gewinnt Quartz sicherlich wichtige Daten über die Interessen der Leser.
  • Die Quartz-Macher zeigen wieder, dass sie eine internetaffine Leserschaft ansprechen. Man greift nerdige Trends wie Emoticons, GIF-Animationen und ein stark an iMessage orientiertes Layout auf.

Die App hat Potenzial. Ich genieße die Berechenbarkeit des Layouts: Die Werbung ist simpel eingebettet, es gibt keine Überraschungen, die die Bedienung stören würden. Eventuell wird das Frage-Antwort-Spiel mit der Zeit langweilig, aber Quartz hat einmal mehr gezeigt, dass man nicht den gewohnten Denkmustern folgt, sondern News über neue Kanäle verbreiten möchte. Und damit eben auch wirklich die technischen Möglichkeiten ausnutzt und die neuen Verhaltensmuster der Leser beachtet. 

Das Internet ging auf die neue App jedenfalls Steil und es gibt einige hochwertige Leseempfehlungen dazu. Check it out:

  • NiemanLab: With an interface that looks like a chat platform, Quartz wants to text you the news in its new app
  • Zeit.de: Im Chat mit dem Weltgeschehen
  • Vocer: Meinungen zur neuen Quartz-App
  • Meshedsociety.com: Quartz’s New App Has Come Half Way in Reinventing News
  • Medium.com (Johannes Klingebiel): What is Conversational Journalism?
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Die Nische für ultralange Texte

Wenn du ein durchschnittlicher Leser bist, dann habe ich für diesen Artikel ganze 15 Sekunden deiner Aufmerksamkeit. Das reicht in der Regel für etwa 28 Prozent des Textes. Ein Trend, der sich mit zunehmender mobiler Nutzung noch weiter verschärft. Journalismus wird immer mehr zum Häppchen, das zwischen zwei Bahnhaltestellen oder in der Zigarettenpause konsumiert wird. 

Angebote wie Buzzfeed, NYT Now, Vine oder Twitter haben sich auf dieses Nutzungsverhalten eingestellt. Häppchen, Listen und Kurzvideos. 

Aber überall wo sich ein Trend entwickelt, entsteht auch eine Nische. Eine kleine Gegenbewegung. In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff Long-form Journalism etabliert. Texte, die mehrere Tausend Wörter umfassen und so gar nicht für den Zwischendurchkonsum gemacht sind. Länger als ein Magazin-Artikel und kürzer als ein Buch. Urvater dieses vermeintlich neuen Genres ist der Snowfall-Artikel der New York Times von 2012.

Ein echtes Nischenprodukt, das nach gängiger Ansicht der Branche eigentlich kaum Erfolgschancen haben sollte, ist Wait But Why. Der Longform-Blog hat in etwa so viele Fans auf Facebook wie die FAZ. Ein zweiteiliger Artikel über künstliche Intelligenz wurde 60.000 Mal geteilt. Ein anderer Artikel über die Eigenheiten der Generation Y kommt auf über eine halbe Millionen Shares. Auf Wait But Why erscheint etwa ein Artikel im Monat. Das ganze wird von einem Autor (und seinem Kumpel, der sich um das Organisatorische kümmert) gestemmt. 30 bis 40 Stunden Arbeit für einen einzigen Artikel sind dabei keine Seltenheit, so der Autor in einem lesenswerten Portrait auf FastCompany

Es scheint, als würde dort das Paradies für Journalisten herrschen. Und all das, ohne Millioneninvestition, in anderthalb Jahren aufgebaut. Mittlerweile zählt man stolze 1,6 Millionen Unique Users im Monat.

Ich glaube als Journalist kann man sehr happy sein, dass solche Projekte funktionieren. Ich höre es immer wieder von vielen Bekannten, die sich über die Oberflächlichkeit von Artikeln auf SpOn oder SZ.de beklagen. Gerade wenn das Thema interessant wird, ist der Beitrag bereits wieder zu Ende.

Brauchen wir mehr Mut für ultralange Texte?

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Facebook Instant Articles

Irgendwie drehen gerade alle am Rad wegen Facebooks Instant Articles

Ab diesen Mittwoch wird Facebook in seiner iPhone-App vollständige Artikel von BILD.de, Spiegel Online, New York Times, The Atlantic und anderen über die App veröffentlichen. Facebook wird in gewisser Weise zum Verleger. Und die Verlage schaffen sich womöglich selbst ab.

Zuerst ist das nur eine technische Änderung. Facebook ist bereits jetzt ein konstanter Traffic-Lieferant für etablierte Nachrichtenseiten. Etwa 15 Prozent der Besucher werden über Facebook angelockt. Aber eben nur angelockt. Letztlich führt sie ein Link auf die Website des Nachrichtenmediums. Das soll sich mit Instant Articles nun ändern. Die Inhalte können direkt auf der Plattform des Sozialen Netzwerks konsumiert werden.

Wer den Aufschrei um diese Neuerung verstehen möchte, muss die Hassliebe zwischen Verlagen und Facebook (und Google erst recht) kennen. Außerdem gibt es drei sehr unterschiedliche Sichtweisen: Verlage, Facebook und die Leser.

Facebook will an die Inhalte der Verlage. Die Verlage wollen an die Nutzer auf Facebook (immerhin 1,4 Milliarden). Und der Leser, der möchte möglichst unkompliziert und angenehm Inhalte konsumieren. Wir haben ja alle keine Zeit und Klicks sind so anstrengend…

Die wesentlichen finanziellen Faktoren dabei sind Werbung und Nutzerdaten. Bei der Werbung kommt Facebook den Verlagen entgegen, indem es ihnen erlaubt, die Anzeigen selbst zu schalten und 100 Prozent der Einnahmen zu bekommen. Bei den Nutzerdaten dürfte das Interesse von Seite der Verlage sowieso eher gering sein. Zumindest bisher wussten die großen Verlagshäuser nicht so recht, was sie mit den Daten Produktives anstellen können. Von finanzieller Seite ist der Deal also wirklich für alle attraktiv.

Es ist nicht der finanzielle Aspekt, der Journalisten bei dem Deal beschäftigt. Es geht um Kontrolle und einer langfristigen Strategie. Sollen die Verlage dahin gehen, wo die meisten Leser sind, oder können sie die Leser nicht im eigenen Heim viel besser bedienen? 

Bei Facebook hingegen geht es um soziale Kontakte. Inhalte werden durch die Augen von Freunden gesehen. Sie werden sozial gefiltert. Der journalistische Ansatz sieht ganz anders aus. Hier versuchen Vermittler (Journalisten und Redaktionen) ein möglichst unverfälschtes Bild von der Realität zu übermitteln. Im besten Fall bleibt der Journalist bei dem Prozess als objektiver Part unsichtbar. Genau das Gegenteil versucht Facebook: Über Freunde sollen die richtigen Inhalte für uns selbst ausgesucht und bewertet werden.

Während Facebook seinen Nutzern also einen Klick ersparen möchte und die Ladezeiten im Zehntelsekunden-Bereich optimiert (die Ladezeiten sind wirklich ein dämliches Argument von Facebook), geht es bei den Verlagen um Alles. Wird es in 10 Jahren noch eine Rolle spielen, ob ein Artikel aus der SZ oder dem Spiegel ist? Den Leser interessiert es bereits heute nicht mehr. Es sei denn er ist Journalismusstudent. Der Verlag als Institution ist bedroht, weil er zunehmend an Präsenz und sichtbarer Relevanz verliert. Das ist per se nichts schlechtes. Aber dieser Entwicklung muss man sich stellen.

Und die verlockende Zukunft im Hotel California (Facebook) ist ein gefährlicher Weg. Denn, wie wir von dem Eagles-Song gelernt haben:

„We are programmed to receive.

You can check-out any time you like,

But you can never leave!“ 

2. Lesenswertes

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Think negative – 90 Prozent der Startups scheitern

Erfolgsgeschichten sind inspirierend. Wir verfolgen sie gerne, in der Hoffnung etwas für unsere eigenen Vorhaben zu lernen. Aber lassen sich Erfolge nachahmen? Gibt es so etwas wie eine Erfolgswelle, ein Geheimrezept? Nein. Wir sollten uns auch der dunklen Seite zuwenden, den Misserfolgen, dem Scheitern. Lasst mich erklären warum.

Scheitern ist normal – es wirft dich zurück und bringt dich dennoch voran

Ein kluger Mensch betrachtet immer beide Seiten. Es ist das alte Prinzip von Yin und Yang. Erfolg und Misserfolg können nur zusammen existieren und beides muss verstanden werden. 

Wer einen Ikea-Schrank schnell abbauen möchte, sollte schauen wie er zusammengebaut wurde. Augen auf beim Hinweg, dann findest du auch wieder nach Hause. Um einen Menschen wirklich einschätzen zu können, musst du seine Stärken und Schwächen kennen. Wie verhält er sich beim Erfolg und – noch wichtiger – wie bei einer Niederlage?

Rede über die Niederlage

Geschichten des Misserfolgs sind kostbarer. Nicht nur weil wir mehr dabei lernen, sondern auch weil sie rar sind. Wir erzählen gerne von Erfolgen und verheimlichen Niederlagen. Das ist im ersten Moment auch gut so. Wir fühlen uns dabei wohler und unser Gegenüber meist auch. Stellt euch vor, ihr seid im Smalltalk mit einer neuen Bekanntschaft und er oder sie beginnt das Gespräch mit der Geschichte einer niederschmetternden Niederlage. Wir hören andere nicht gerne Jammern.

Es wäre gegen den Verhaltenskodex, auch wenn wir wissen, dass diese Geschichten überall existieren. Aber weil Niederlagen so kostbar sind, müssen wir uns verdienen, sie zu hören. Wir müssen ein Vertrauensverhältnis zu anderen Menschen aufbauen, bis sie sich öffnen und ihre verwundbare Seite zeigen. Sie sind ihr kostbarstes Gut.

Einsicht hilft im Umgang mit dem Big Fail

Frage einen Gründer, wie es bei ihm so läuft und er wird dir etwas Positives antworten. Scheitern ist ein isolierter und einsamer Prozess. „Fail fast, fail early, fail often!“ ist nur ein Spruch. Gründer klammern sich an ihr Projekt, so wie eine Mutter an ihr Kind. 

„Wir sind in der Pre-Revenue-Phase“ ist eine häufige 

Floskel der 90-Prozent-Fraktion. Es gleicht einem schwarzen Ozean und man weiß nicht einmal in welche Richtung man schwimmen soll.

In diese Situation gerät jeder Mensch – und zwar mehrmals. Scheitern muss gelernt sein und lernen kann man nur, wenn man sich etwas von anderen abschaut. 

Dabei ist die Möglichkeit zu scheitern etwas zutiefst Menschliches. Jeder Mensch scheitert, trifft falsche Entscheidungen. Auch im Business. Halten wir uns lieber an das klassischste aller Minus-Mantras: 

Murphy’s Laws

  1. Alles, was schief gehen kann, geht auch schief. 
  2. Auch was nicht schief gehen kann, geht irgendwann schief. 
  3. Auch wenn etwas, das eigentlich schief gehen sollte, nachher doch nicht schief gegangen ist, wird man feststellen, es wäre besser gewesen, wenn es schief gegangen wäre. 

Feiere deine Niederlage (ja, feiern)

Menschen wollen andere scheitern sehen. Es ist eine kranke Welt. Das ist ein wesentlicher Teil des Konzepts vieler Reality-TV-Shows. Wenn ihr bequem von zuhause jemandem beim Auswandern verfolgt, wollt ihr ihn scheitern sehen. Der Nachbar gründet ein Unternehmen? In drei Monaten fragt ihr wie es läuft – und insgeheim wollt ihr, dass er mit gesenktem Blick murmelt: „Alles braucht seine Zeit“. Uli Hoeneß oder Christian Wullf wurden mit Genuss und Häme öffentlich zerpflückt. Es ist ein Mix aus Schadenfreude, Besserwissertum und Sadismus. 

Der beste Umgang mit dem Scheitern ist ein offensiver. Mache die Niederlage zum Erfolg. Feiere eine Fucking-Up-Night und nutze die Aufmerksamkeit im Moment der Niederlage. Wir können alle nur davon lernen. Und sympathisch ist ein guter Verlierer allenfalls.

Wer wagt gewinnt. Und verliert. Immer. 

Inspiration im Failen

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