Facebook Instant Articles

Irgendwie drehen gerade alle am Rad wegen Facebooks Instant Articles

Ab diesen Mittwoch wird Facebook in seiner iPhone-App vollständige Artikel von BILD.de, Spiegel Online, New York Times, The Atlantic und anderen über die App veröffentlichen. Facebook wird in gewisser Weise zum Verleger. Und die Verlage schaffen sich womöglich selbst ab.

Zuerst ist das nur eine technische Änderung. Facebook ist bereits jetzt ein konstanter Traffic-Lieferant für etablierte Nachrichtenseiten. Etwa 15 Prozent der Besucher werden über Facebook angelockt. Aber eben nur angelockt. Letztlich führt sie ein Link auf die Website des Nachrichtenmediums. Das soll sich mit Instant Articles nun ändern. Die Inhalte können direkt auf der Plattform des Sozialen Netzwerks konsumiert werden.

Wer den Aufschrei um diese Neuerung verstehen möchte, muss die Hassliebe zwischen Verlagen und Facebook (und Google erst recht) kennen. Außerdem gibt es drei sehr unterschiedliche Sichtweisen: Verlage, Facebook und die Leser.

Facebook will an die Inhalte der Verlage. Die Verlage wollen an die Nutzer auf Facebook (immerhin 1,4 Milliarden). Und der Leser, der möchte möglichst unkompliziert und angenehm Inhalte konsumieren. Wir haben ja alle keine Zeit und Klicks sind so anstrengend…

Die wesentlichen finanziellen Faktoren dabei sind Werbung und Nutzerdaten. Bei der Werbung kommt Facebook den Verlagen entgegen, indem es ihnen erlaubt, die Anzeigen selbst zu schalten und 100 Prozent der Einnahmen zu bekommen. Bei den Nutzerdaten dürfte das Interesse von Seite der Verlage sowieso eher gering sein. Zumindest bisher wussten die großen Verlagshäuser nicht so recht, was sie mit den Daten Produktives anstellen können. Von finanzieller Seite ist der Deal also wirklich für alle attraktiv.

Es ist nicht der finanzielle Aspekt, der Journalisten bei dem Deal beschäftigt. Es geht um Kontrolle und einer langfristigen Strategie. Sollen die Verlage dahin gehen, wo die meisten Leser sind, oder können sie die Leser nicht im eigenen Heim viel besser bedienen? 

Bei Facebook hingegen geht es um soziale Kontakte. Inhalte werden durch die Augen von Freunden gesehen. Sie werden sozial gefiltert. Der journalistische Ansatz sieht ganz anders aus. Hier versuchen Vermittler (Journalisten und Redaktionen) ein möglichst unverfälschtes Bild von der Realität zu übermitteln. Im besten Fall bleibt der Journalist bei dem Prozess als objektiver Part unsichtbar. Genau das Gegenteil versucht Facebook: Über Freunde sollen die richtigen Inhalte für uns selbst ausgesucht und bewertet werden.

Während Facebook seinen Nutzern also einen Klick ersparen möchte und die Ladezeiten im Zehntelsekunden-Bereich optimiert (die Ladezeiten sind wirklich ein dämliches Argument von Facebook), geht es bei den Verlagen um Alles. Wird es in 10 Jahren noch eine Rolle spielen, ob ein Artikel aus der SZ oder dem Spiegel ist? Den Leser interessiert es bereits heute nicht mehr. Es sei denn er ist Journalismusstudent. Der Verlag als Institution ist bedroht, weil er zunehmend an Präsenz und sichtbarer Relevanz verliert. Das ist per se nichts schlechtes. Aber dieser Entwicklung muss man sich stellen.

Und die verlockende Zukunft im Hotel California (Facebook) ist ein gefährlicher Weg. Denn, wie wir von dem Eagles-Song gelernt haben:

„We are programmed to receive.

You can check-out any time you like,

But you can never leave!“ 

2. Lesenswertes

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Think negative – 90 Prozent der Startups scheitern

Erfolgsgeschichten sind inspirierend. Wir verfolgen sie gerne, in der Hoffnung etwas für unsere eigenen Vorhaben zu lernen. Aber lassen sich Erfolge nachahmen? Gibt es so etwas wie eine Erfolgswelle, ein Geheimrezept? Nein. Wir sollten uns auch der dunklen Seite zuwenden, den Misserfolgen, dem Scheitern. Lasst mich erklären warum.

Scheitern ist normal – es wirft dich zurück und bringt dich dennoch voran

Ein kluger Mensch betrachtet immer beide Seiten. Es ist das alte Prinzip von Yin und Yang. Erfolg und Misserfolg können nur zusammen existieren und beides muss verstanden werden. 

Wer einen Ikea-Schrank schnell abbauen möchte, sollte schauen wie er zusammengebaut wurde. Augen auf beim Hinweg, dann findest du auch wieder nach Hause. Um einen Menschen wirklich einschätzen zu können, musst du seine Stärken und Schwächen kennen. Wie verhält er sich beim Erfolg und – noch wichtiger – wie bei einer Niederlage?

Rede über die Niederlage

Geschichten des Misserfolgs sind kostbarer. Nicht nur weil wir mehr dabei lernen, sondern auch weil sie rar sind. Wir erzählen gerne von Erfolgen und verheimlichen Niederlagen. Das ist im ersten Moment auch gut so. Wir fühlen uns dabei wohler und unser Gegenüber meist auch. Stellt euch vor, ihr seid im Smalltalk mit einer neuen Bekanntschaft und er oder sie beginnt das Gespräch mit der Geschichte einer niederschmetternden Niederlage. Wir hören andere nicht gerne Jammern.

Es wäre gegen den Verhaltenskodex, auch wenn wir wissen, dass diese Geschichten überall existieren. Aber weil Niederlagen so kostbar sind, müssen wir uns verdienen, sie zu hören. Wir müssen ein Vertrauensverhältnis zu anderen Menschen aufbauen, bis sie sich öffnen und ihre verwundbare Seite zeigen. Sie sind ihr kostbarstes Gut.

Einsicht hilft im Umgang mit dem Big Fail

Frage einen Gründer, wie es bei ihm so läuft und er wird dir etwas Positives antworten. Scheitern ist ein isolierter und einsamer Prozess. „Fail fast, fail early, fail often!“ ist nur ein Spruch. Gründer klammern sich an ihr Projekt, so wie eine Mutter an ihr Kind. 

„Wir sind in der Pre-Revenue-Phase“ ist eine häufige 

Floskel der 90-Prozent-Fraktion. Es gleicht einem schwarzen Ozean und man weiß nicht einmal in welche Richtung man schwimmen soll.

In diese Situation gerät jeder Mensch – und zwar mehrmals. Scheitern muss gelernt sein und lernen kann man nur, wenn man sich etwas von anderen abschaut. 

Dabei ist die Möglichkeit zu scheitern etwas zutiefst Menschliches. Jeder Mensch scheitert, trifft falsche Entscheidungen. Auch im Business. Halten wir uns lieber an das klassischste aller Minus-Mantras: 

Murphy’s Laws

  1. Alles, was schief gehen kann, geht auch schief. 
  2. Auch was nicht schief gehen kann, geht irgendwann schief. 
  3. Auch wenn etwas, das eigentlich schief gehen sollte, nachher doch nicht schief gegangen ist, wird man feststellen, es wäre besser gewesen, wenn es schief gegangen wäre. 

Feiere deine Niederlage (ja, feiern)

Menschen wollen andere scheitern sehen. Es ist eine kranke Welt. Das ist ein wesentlicher Teil des Konzepts vieler Reality-TV-Shows. Wenn ihr bequem von zuhause jemandem beim Auswandern verfolgt, wollt ihr ihn scheitern sehen. Der Nachbar gründet ein Unternehmen? In drei Monaten fragt ihr wie es läuft – und insgeheim wollt ihr, dass er mit gesenktem Blick murmelt: „Alles braucht seine Zeit“. Uli Hoeneß oder Christian Wullf wurden mit Genuss und Häme öffentlich zerpflückt. Es ist ein Mix aus Schadenfreude, Besserwissertum und Sadismus. 

Der beste Umgang mit dem Scheitern ist ein offensiver. Mache die Niederlage zum Erfolg. Feiere eine Fucking-Up-Night und nutze die Aufmerksamkeit im Moment der Niederlage. Wir können alle nur davon lernen. Und sympathisch ist ein guter Verlierer allenfalls.

Wer wagt gewinnt. Und verliert. Immer. 

Inspiration im Failen

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Das Ende von Gigaom

In 100 Wörtern wurde vor drei Wochen das Ende von Gigaom verkündet. Fast zehn Jahre nachdem der Blogger Om Malik sich in einem Starbucks in San Francisco entschloss, sein Hobby zum Beruf zu machen. Er kündigte seinen sicheren Jobs bei Forbes und startete Gigaom

Fast zehn Jahre bestand der Techblog und erreichte über sechs Millionen Leser. Letztlich bestand die Begründung für das Ende aus nur einem Satz: „Gigaom recently became unable to pay its creditors in full at this time.“ That’s it, Feierabend. 

Es war ein Schock für die Branche, galt Gigaom doch als Pionier für Größen wie Recode oder TheVerge. Überraschend war es auch für die 68 Angestellten, die bei ihrer Kündigung noch mitten in der Arbeit an Artikeln steckten. Etwa 1000 Tickets, die für ein geplantes Gigaom-Event vorverkauft wurden, wurden nicht zurückerstattet. 

Gigaom zeichnete sich durch seine ungewöhnlich ausführliche Tech-Berichterstattung aus und verschmähte dabei die üblichen Clickbaits. Man könnte sagen: noch echte Alte Schule. Aber in Zeiten von Buzzfeed und Vice wirken sechs Millionen Unique Visitors bei fast 70 Angestellten nicht sonderlich attraktiv auf Geldgeber. 

Dabei ist der Niedergang von Gigaom nicht im redaktionellen Bereich zu suchen, es war vielmehr das Geschäftsmodell das nicht funktionierte. Über mehrere Finanzierungsrunden hat die Seite in der Vergangenheit über 30 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt – konnte letztlich aber nicht das Versprochene liefern.

Die Investoren hatten es vor allem auf den Rechercheservice abgesehen. Ein Angebot für Pro-Abonnenten, die exklusive Rechercheaufträge an die Redaktion vergeben konnten (in der letzten Ausgabe habe ich einen ähnlichen Service von Politico beschrieben). Dazu kamen natürlich Einnahmen aus Anzeigen und auch diverse Events wurden unter der Marke veranstaltet. Der Rechercheservice machte dabei über die Hälfte des Umsatzes aus. Letztlich stellte sich dieser aber als sehr zeitintensiv für die Redaktion heraus und Geld floss immer erst bei Abschluss der Arbeiten – die durchaus mehrere Monate dauern konnten. Die Investoren und Gläubiger wurden ungeduldig. Das war das Ende.

Links zum Niedergang von Gigaom:

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Europäischer Ableger von Politico startet

Als ich vor zwei Jahren in Washington war, staunte ich nicht schlecht, als ich eine Politico-Ausgabe am Empfang von meinem Hostel entdeckte. Ich staunte, weil die Ausgabe gratis war. Quasi ein Anzeigenblättchen, deren renommierter Ruf allerdings bis nach Europa bekannt ist. Der Inhalt: Recht schwere politische Kost aus dem Herzen des Machtzentrums Amerikas. Ziemlich bissig geschrieben. Ein Anzeigenblättchen über den mühsamen politischen Alltag? Wie kann das funktionieren?

Am Dienstag startet politico.eu (eine Landing Page existiert bereits). Dabei handelt es sich um den europäischen Ableger in Brüssel der bemerkenswert erfolgreichen Mutterausgabe aus Washington D.C. Der derzeit extrem investitionsfreudige Springer-Verlag ist mit 50 Prozent dabei und soll als Eintrittstor in den europäischen Markt dienen.

Politico wurde 2007 gegründet und die Printausgabe hat eine Auflage von 30-40.000 in D.C. und Manhattan. Mittlerweile beschäftigt die Publikation knapp 250 Journalisten. Das Zugpferd bei der Reichweite ist aber die Website, die monatlich zwischen vier und fünf Millionen Leser erreicht. Die Einnahmen kommen nach eigenen Angaben zur Hälfte aus dem Printgeschäft und zur Hälfte von der Website. Mittlerweile finanziert sich Politico auch durch Events in Washington (Wahlkampfveranstaltungen für Republikaner und Demokraten) und dem speziellen Pro-Service. 

Politico Pro ist eine Art Nachrichtendienst für Politiker und Lobbyisten. Die Abonnenten können eine Themenauswahl treffen und bekommen ein regelmäßiges Briefing. Das lässt sich Politico mit einigen Tausend Dollar im Jahr bezahlen. Ein interessantes Modell, denn Lobbyisten gibt es in Brüssel zu genüge (genau genommen liegt Brüssel auf dem zweiten Platz hinter D.C. in der Statistik). 

Letztlich finanziert sich Politico also über drei Säulen: Anzeigen (50%), Pro-Abonnement (40%) und Events (8%). Sollte diese Modell auch in Europa funktionieren kann Politico einen wesentlich größeren Markt erreichen. Die EU hat 66 Prozent mehr Einwohner als die USA. Zumindest in der Theorie also ein interessanter Markt. Letztlich aber schwer zu beurteilen, da Politico eine sehr spezielle Leserschaft anspricht: Stark vernetzt, finanzstark und international. 

Schafft es Politico mit Hilfe von Springer, der sicherlich den Eintritt in den europäischen Markt ebnen wird, seine hohe Anzahl an Pro-Abonnenten auch hier zu erreichen, haben wir bald eine sehr solide finanzierte und echt europäische Publikation aus Brüssel.

Politico.eu startet mit einem Team aus 30 Journalisten, die auf Englisch berichten werden. Mit der Finanzierung aus dem Springer-Deal von zehn Millionen Dollar möchte man sich bald auf 60-70 Reporter erweitern. Auch eine deutsche Ausgabe ist wohl geplant.

Bissiger Polit-Journalismus kommt nach Brüssel. Ich bin gespannt. Übrigens: Politico hat seine Wurzeln auch in einem Newsletter vom Mitgründer Jim VandeHei. Lang lebe der Newsletter als Keimzelle - und wenn dir dieser gefallen hat, dann empfehle ihn doch weiter!

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NSA-Skandal - Eine Anleitung für die Bundesregierung

Vorwort

Liebe Bundesregierung,

es ist vermessen eine Anleitung für die Regierung zu schreiben. Ich habe weder die Kenntnisse, noch die Einsichten in die Situation, die Verwicklungen und die Möglichkeiten. Aber ich habe den Politikern offensichtlich eines voraus: Ich kann ganz ungezwungen darüber lamentieren. Ohne diplomatische Hindernisse oder innenpolitische Querelen. Und ich habe – mit Verlaub – eine wesentliche Erkenntnis erlangt, die der Regierung fehlt: Es geht hier nicht um einen Spionage-Skandal, es geht um Überwachung. Und wer überwacht wird, ist nicht frei. Das sagte Glenn Greenwald bereits und damit ist alles zur Begründung der Problematik gesagt. Die Grundfesten der Demokratie sind in Gefahr. Grund genug zum Weiterlesen?

1. Die Situation erkennen

Das Handy der Kanzlerin wird abgehört und selbst der NSA-Untersuchungsausschuss scheint unterwandert zu werden. Der enge Freund USA spioniert ungehemmt auf deutschem Boden. Das ist... keine Überraschung. Es wird spioniert, es wurde spioniert und es wird es immer werden. Auch zwischen "befreundeten" Nationen. Die gibt es übrigens gar nicht und gab es nie. Es gibt höchsten temporäre Partnerschaften, gemeinsame Ziele und Interessen. Es sind auch die Interessen, die jetzt die Freundschaft noch am Leben erhalten. Es sind keine Freundschaften, wer soll auch befreundet sein? Eine Gesellschaft mit einer Gesellschaft? Eine (zeitlich begrenzte) Regierung? Ergibt wenig Sinn. 

Spionage ist also nicht überraschend und auch der Schaden ist eher symbolischer Natur. Der eine spioniert den anderen und andersrum. Letztlich also ein ausgeglichenes Spiel mit James-Bond-Romantik. Der 31-Jährige Doppelagent soll 218 Dokumente innerhalb von zwei Jahren weitergegeben haben(1). Das ist lächerlich. Zumindest im Vergleich mit dieser Zahl: 25 000 000 000 000 000 Byte(2). Das ist die Speichermenge, die die NSA täglich an Informationen sammelt. 

Und das finde ich jetzt überraschend. Ein Umstand, der in der Regierung zu wenig Reaktionen führt. Mal beendet man die "Affäre" plötzlich, mal ist man enttäuscht, mal schockiert. Dabei verkennt man die eigentliche Problematik: Das Problem ist nicht die NSA oder der BND. Auch nicht die USA oder Großbritannien. Das Problem ist eine technologische und gesellschaftliche Entwicklung! Wir produzieren in unserem Alltag immer mehr digitale Informationen. Digitale Angebote wie Shops, Soziale Netzwerke, Versicherungen. Hardware wie Smartphones, Autos, Laptops und viele Geräte, die bald Einzug in unseren Haushalt finden werden. All diese Informationen werden gesammelt. Von Regierungen und von der Wirtschaft. Sie werden ausgewertet, benutzt und oftmals weitergegeben. Wir können das nicht verhindern, es ist der Lauf der Dinge. So wie man den Energieverbrauch, die Umweltverschmutzung oder die Erfindung der Dampfmaschine nicht rückgängig machen kann. Das ist die Problematik, der sich die Politik stellen muss. Also hört bitte auf über Whistleblower, Spione oder Geheimdienste zu debattieren. Sie sind nur eine Folge der neuen Möglichkeiten.

Es gibt große Parallelen zum Umweltschutz. Vielleicht können wir aus diesen lernen. Eine Thematik, die lange nur von "Spinnern" und "Radikalen" ernstgenommen wurde. Der Politik war es viele Jahre lästig, es war ein großes Thema ohne einfache Lösungen. Es benötigte schaurige Bilder (Abholzung des Regenwaldes) und furchtbare Katastrophen (Fukushima) damit die Thematik unumgänglich für die Politik wurde. Liebe Regierung, müssen wir beim Thema Überwachung wieder so lange warten?

Der Fünf-Punkte-Aktionsplan

  1. Edward Snowden Asyl gewähren. Um eine Entwicklung in die richtigen Bahnen zu lenken und die richtigen Konsequenzen zu ziehen, benötigt es zuerst Verständnis. Snowden ist derzeit wohl der Mann mit dem meisten (zugänglichen) Wissen über den Status Quo der Überwachung. Welche Möglichkeiten gibt es, was ist Fantasie und was Realität? Wie weit sind wir in der Entwicklung? All das muss man herausfinden und dafür brauchen wir Snowden. Ja, die USA mögen das nicht. Aber wie ich bereits bemerkte, es geht hier nicht um die USA oder die NSA. Es geht um eine gesellschaftliche Entwicklung. Meine Empfehlung für die diplomatische Problematik: Eine unabhängige (womöglich internationale) Kommission von Experten, die Snowden befragt. Snowden ist kein Spion, der empfindliche Interna der USA ausplaudern soll, sondern ein Experte. Er selbst hat mehrmals gesagt, dass er der USA nicht schaden will. Es geht hier um Aufklärung im internationalen humanitären Sinne.
  2. Wir brauchen geschützte Räume. Da die USA nicht gewillt ist ein bilaterales oder multilaterales (No-Spy-)Abkommen zu unterzeichnen, müssen wir eigene Alternativen entwickeln. Jedem sollte es freistehen Google oder Bing für seine Suchanfragen zu nutzen. Aber jedem sollte auch eine geschützte Alternative angeboten werden. Und nein, die sollte nicht von der Regierung entwickelt werden. Die Bundesregierung hat letztlich die selben Interessen wie jede Regierung auf der Welt. Und Unternehmen am Markt sind eben Unternehmen. Es braucht neue Strukturen. Mir schweben Non-Profit-Organisationen oder ein öffentlich-rechtliches Modell für digitale Werkzeuge vor. Diese könnten nicht nur Services entwickeln, sondern auch Zertifikate verteilen. Auch hier können wir vom Umweltschutz lernen.
  3. Gesetze! Ja, das ist ein schwieriger Punkt. Eine rechtliche Absicherung ist keine Garantie. Aber das gilt für jedes Gesetz. Eigentlich ist es verboten ein Auto zu klauen, aber es passiert. Privates Eigentum sollte Eigentum bleiben. Aber auch dagegen haben schon Regierungen in der Geschichte Deutschlands verstoßen. Und dennoch: Gesetze sind die Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft zu einer funktionierenden Gesellschaft machen. Den Datenschutz hier außen vor zu lassen, wäre ein immenser Fehler.
  4. Setzt das Thema auf die internationale Agenda. Wir werden nicht müde anderen Nationen die Demokratie zu erklären. Teil dieser Demokratie ist es die Privatsphäre zu achten und geschützte Lebensräume zu garantieren. Das mag nicht neu sein, aber es hat in den letzten Jahren eine neue Dimension, eine neue Priorität bekommen. Werdet dem gerecht! G8, UN, bilateral und unilateral. In Afrika, China und den USA. Überall. Wieder der Vergleich zum Umweltschutz: es ist eine Entwicklung, die nicht an Ländergrenzen stoppt. Und das Internet sowieso auch nicht.
  5. Hört auf die Bevölkerung und unsere Bedürfnisse. Ihr werdet sonst schon bald eure Macht und Legitimation verlieren. Hört auf mit diplomatischen Spielen auf Kosten der Bürger. Oder wie Oliver Kahn es sagen würde: Eier, wir brauchen Eier!

(1) tagesschau.de

(2) nsa.gov

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