Das Internet ist nicht krank – es ist erwachsen

Im Internet über das Internet reden. Das ist die neue Meta-Ebene, die im Moment voll im Trend ist. Der Tonfall ist meist pessimistisch, von Krankheit oder einem Defekt ist oft die Rede. Kürzlich klagte Sascha Lobo seinen Schmerz über sein Trauma durch die NSA-Überwachung. An anderer Stelle fürchtet Martin Weigert, dass das freie Netz zerbricht und sich geschlossene Apps durchsetzen werden. Es gibt viel Grund zu klagen, wütend zu sein. Die Diagnose ist allerdings falsch, das Netz ist nicht krank, es wird einfach erwachsen.

Jeden Tag zählt das weltweite Netz etwa 218.000 neue Nutzer. Unternehmen wie Google oder Facebook gehören mittlerweile zu den wertvollsten Marken der Welt. Das Internet der Dinge steht vor der Tür, kein Bereich des Lebens ist bald nicht vernetzt. Sieht so eine kaputte Technologie aus? Warum also jammern? Was alteingesessene Nutzer eigentlich stört ist das Platzen eines ideologischen Traums. Das Internet als offenes, zugängliches Informationsnetz. Das Internet als Allgemeingut. Gibt man bei Google Scholar die Begriffe "internet democracy" ein, findet man 535.000 Treffer. Amazon hat über 300 Bücher zum genannten Thema im Angebot. Nicht nur die Wissenschaft, auch die meisten Pioniere des Netzes hatten diese Hoffnung. Das Netz als kreativer, chaotischer Raum zur Selbstverwirklichung und Teilhabe. Einloggen und jeder Mensch ist gleich reich an Informationen. 

Und nun? Kommerz, Überwachung und geschlossene Ökosysteme. Vor 15 Jahren stand das Internet da, wo jetzt Technologien wie 3D-Drucker, Drohnen oder selbstfahrende Autos in der Entwicklung stehen. Es war in den Kinderschuhen, angetrieben und entwickelt von Spartenindustrien (meist dem Militär) und kurz darauf Spielzeug von Tüftlern und Nerds. Die Drohne ist ein guter Vergleich. Im Militär lange etabliert, dürfte die Zahl der Drohnen-Besitzer unter Piraten-Wählern ungleich hoch sein. Denn es sind Bastler, die sich etwas kaufen nur dem Spieltrieb wegen. Praktischer Nutzen? Zweitrangig. Doch die Technik (so denn sie erfolgreich ist) entwickelt sich weiter. Sie wird interessant für die kommerzielle Nutzung (Apps und geschlossene Stores) und Politik (Überwachung) – letztlich kommt sie in der breiten Masse an.

Die kleine Gruppe an Pionieren, die die Technik ideologisch aufgeladen haben, rümpfen die Nase. Ihr Spielzeug ist verschmutzt, der Geek-Faktor verflogen. Die Technik ist erwachsen geworden. Eigentlich würden die jetzt klagenden Nerds einfach weiterziehen zum nächsten womöglich "großem Ding". Nicht so mit dem Internet. Wir alle sind angewiesen auf die Technik, denn sie ist die größte technologische Revolution seit der Industrialisierung. Sie gehört zu diesem Planeten. Und da die Technik nicht defekt ist (also nicht repariert werden kann), sondern einfach erwachsen geworden ist (und wir die Uhr nicht zurückdrehen können) sind wir machtlos. 

Das Internet ist nicht der Allheilsbringer geworden, den wir uns erhofft haben. Es war eigentlich auch naiv dies anzunehmen. Das Internet demokratisiert nicht, der Markt regelt sich nicht von selbst. Es sind nur Systeme und Technologien. Die "vierte Kränkung der Menschheit" von der Sascha Lobo spricht, ist eigentlich nur der sentimentale Gedanke eines Vaters, der seine Kinder beim Aufwachsen zuschaut. Die eigene Vorstellung, die aufgeladene Ideologie, ist entwichen.