Die Email lebt

Mein Großvater kannte keine Emails. Mein Vater kann sie nicht leiden. Ich liebe sie und wenn ich mal Kinder haben werde – sie werden sie ziemlich oldschool finden. Meine Generation ist eine Generation der Mails, wir haben Gigabyte-Große Postfächer und meist gleich ein Dutzend verschiedener Adresse. Wir rufen sie unterwegs, am Laptop, im Browser und mit dem Mail-Programm ab. Doch die E-Mail gerät immer mehr in den Verruf: Sie soll ein Produktivitätstöter (der sogar dumm machen) sein und sowieso bald von Instant Messenger und Sozialen Netzwerken abgelöst werden. 

Das Internet ist dementsprechend voll von Tipps, wie man seine Inbox aufräumt oder am Besten gleich Mails abschafft. Die Zukunft der Kommunikation soll – so tönt es aus vielen Ecken – in wenigen Zeichen (fünf Sätze zum Beispiel) und in Echtzeit stattfinden. Ich bin dagegen! Warum? Bitte weiterlesen! 

1. Entschleunigung

Auch wenn wir mittlerweile Mails auf das Smartphone gepusht bekommen und oft innerhalb weniger Minuten nach dem Versenden Kenntnis davon nehmen. Eine Antwort braucht Zeit. Eine IM-Nachricht ist direkte Kommunikation, praktisch ein Gespräch. Eine Mail ist eine Korrespondenz, praktisch ein Dokument und nicht bloß ein zugerufener Satz. Der Empfänger legt das Dokument ab, archiviert es, denkt darüber nach. Er nimmt sich Zeit beim Antworten, legt (im besten Falle) Wert auf Formalitäten. Im Gegensatz zu Direktnachrichten oder Facebook-Messages gehört zu einer Mail immer noch eine Anrede, eine Abschlussfloskel und oft auch eine Signatur mit Kontaktinformationen. Für mich sind solche Formalitäten auch ein Zeichen der Mühe und des Respekt vom Absender. So konservativ darf man ja noch sein.

2. Die Lüge der Produktivität

Emails machen unproduktiv. Diese Aussage erinnert mich an die Waffen-Debatte in den USA. Es sind letztlich nicht die Mails, die unproduktiv machen, genauso wenig wie Waffen töten. Es liegt am Akteur, der das Werkzeug benutzt. Zugegeben, ein drastischer Vergleich. Aber die Kausalität sollte man hinterfragen. Ein Werkzeug ist immer auswechselbar, es gibt eine Alternative mit der man den selben Effekt erzielt. Will sagen: Stöpsel ich mein Mail-Konto ab, klingelt dafür das Telefon oder der Briefkasten wird voller.

3. Kompatibilität

1971 hat Ray Tomlinson die erste Mail versendet. Seitdem konnte sie sich als Standard der digitalen Kommunikation und Alternative zum Postverkehr durchsetzen. Es gibt tausende Programme zum Abrufen und Versenden. Tausende Anbieter und Milliarden von Adressen. Jeder hat die Möglichkeit seinen eigenen Mail-Server aufzusetzen und sich in das Netz der Mails einzuklicken. Es gibt kein Patent oder Monopol die Mail-Protokolle, es ist kein geschlossenes Netzwerk. Mails können mit Anhängen, verschlüsselt, formatiert zwischen allen Betriebssystemen ausgetauscht werden. Sie können synchronisiert, archiviert, gedruckt und was weiß ich noch werden.

4. Marketing

Social Media ist das Ding, wenn man sich die Marketing-Branche anschaut. Die gute alte Mail ist aber immer noch weit effektiver, wenn es ums darum geht neue Kunden anzuwerben. Nur eine Zahl dazu: Kundenanwerbung per Mail hat sich in den letzten vier Jahren vervierfacht. Klar, Pinterest und Instragram sind sexier, aber nicht effektiver.

Die Mail ist noch lange nicht gestorben und das ist auch gut so. Übrigens, alleine im Jahr 2010 wurden 107 Billionen Mails verschickt. Ein Zuwachs von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wo wir allerdings auch bei den Problemen der guten alten Mail sind: Spam und Spam. Aber so ist das eben bei einem offenen System, das von über drei Milliarden Accounts aus benutzt wird.