Die gängelnde Branche der Journalisten

Regionale Streiks in der Zeitungsbranche haben in den letzten Wochen die immer schlechter werdende Situation von Journalisten aufgezeigt. Ob bei der Süddeutschen, dem Weser-Kurier oder der WAZ – überall wird gestrichen, gespart und deswegen auch gestreikt. Doch es scheint nichts zu nutzen. Die Karre fährt bald gegen die Wand und keiner weiß wie die Bremse funktioniert.

Ein Fotograf des Weser-Kuriers erzählte mir letztens, dass es für ihn in den vergangenen zehn Jahren keine Gehaltserhöhung gegeben habe. Nicht einmal ein Inflationsausgleich, also im Prinzip sinkende Löhne. Weihnachtsgeld und Zuschüsse oder gar volle Kostenübernahme für das technische Equipment eines Fotografen? Fehlanzeige.

Und Streiks scheinen den Verlag nicht zu beeindrucken. Vier Wochen haben sie einmal gestreikt, erzählt er. Aber die Zugeständnisse waren dieselben wie vor dem Streik. Freie Redakteure werden teilweise mit 26 Cent pro Zeile honoriert. Mehrfachveröffentlichungen nicht zusätzlich vergütet. Aber da ist der WK nur ein Beispiel von vielen. Kürzlich suchte die Plattform pc-welt.de freie Mitarbeiter. Für 300-500 Zeichen solle man zwischen 10 und 15 Euro bekommen. Der DJV echauffierte sich:

Kein freier Journalist sollte seine Leistungen zu solchen Konditionen anbieten.

Doch Journalisten und Gewerkschaften passen nicht so recht zusammen. Stahlarbeiter und Gewerkschaften, ja. Aber Journalisten sind oft Eigenbrötler. Dazu auch noch sehr gut gebildete. Streikender Klassenkampf liegt uns fern. Wir sind es gewohnt keine Akteure zu sein, sondern objektive Beobachter, die die Probleme anderer dokumentieren.

Vielleicht dreht sich deswegen das Rad der Entwicklung in der Medienbranche so langsam. Vielleicht ergreift deswegen keiner die Initiative und schreit “Ja, wir haben ein Problem und wir (ja, vielleicht gibt es auch ein “wir” bei Journalisten), müssen es lösen.”

Wo liegen die Probleme?

Die Auflagenzahlen und Honorare sprechen für sich. Sind aber nur Symptom und nicht Ursache für die Branche. Während seit einem Jahr die deutsche Wirtschaft straff anzieht, ändert sich bei den Printmedien nichts zum Positiven (oder überhaupt). Die Branche hat kein konjunkturelles Problem, sie hat u.a. ein systematisches. Die Verlagschefs wissen schlicht nicht mehr, wie sie Geld verdienen sollen. Die Digitalisierung und die Kostenloskultur (die, so sagen es ja einige, ein in Stein gemeißeltes Naturgesetz ist) machen den traditionellen Markt kaputt. Darüber wird gejammert, aber passieren tut nichts.

Doch das Problem ist nicht nur systematisch. Es ist auch personell. Die Verleger scheinen in einer resignierten Abwehrhaltung zu erstarren. Dabei sind sie es, die für ein funktionierendes Geschäftsmodell zu sorgen haben. Und wenn sie es nicht schaffen, dann versagen sie beruflich. So gilt es in jeder Branche, nur im Zeitungswesen scheinen böse Dämonen die Auflage zu erschüttern. Und gegen die ist kein Kraut gewachsen.

Walter Schweinsberg, Geschäftsführer der Mediengruppe Oberfranken, sagte gegenüber dem Journalist:

Sollten also Gehaltsstrukturen in der Redaktion angepasst werden müssen, hätte dies für uns seinen Ursprung immer nur im Markt und nicht in der Renditemaximierung des Unternehmens.

Würde solch eine Aussage von einem Finanz-Manager kommen, würde ich kein Wort glauben. Herrn Schweinsberg glaube ich. Allerdings macht das die Aussage nicht besser. Man könnte vermuten, dass Schweinsberg fest daran glaubt, dass sich der Markt an ein wirtschaftliches Unternehmen anpassen müsse – und nicht andersherum.

Genau das zeigt ein Problem der Branche auf. Flexibilität und Ideen scheinen zu fehlen. Der Status Quo wird einfach anerkannt. Das ist ökonomischer Driss und zeugt von der schlechten Führungsliga bei den Zeitungsverlagen.

Und jetzt?

Meine Hoffnung: Journalismus wird immer Journalismus bleiben. Was sich ändern wird, ist das System in dem er eingebettet ist. Das Verlagswesen wird aufhören traditionell zu denken. Vertriebswege werden sich ändern und die (nicht-journalistische) Produktvielfalt sich vergrößern. Damit meine ich die nicht-journalistische Produktvielfalt der Verlage, nicht die der Redaktionen.

Vor allem wird man aber versuchen müssen, dem Teufelskreis aus Kostenreduzierung, sinkender Auflage und mangelndem Geschäftsmodell zu entkommen. Man wird aufhören halbherzig kostenlose Inhalte auf den Internetsparten zu verschleudern und lernen, dass Qualität auf Dauer siegen wird. Doch für das Erreichen der nötigen Qualität muss erst der Wille und die Überzeugung erzeugt werden. Wie Wolf Schneider es einst formulierte, Qualität kommt von Qual und für das Aushalten von Qual muss die Überzeugung größer sein.

Wir alle müssen Überzeugungstäter werden. Überzeugt von der Zukunft des hochwertigen Journalismus, dem Erfolgsmodell Online und dem fest reservierten Platz in der Gesellschaft für unsere Arbeit.

Und wenn alles nichts hilft? Wenn die Karre einfach weiterfährt? Abspringen! Wer merkt, dass er in einem verkrusteten und manövrierunfähigem System feststeckt, der muss das System entweder zerbrechen (unwahrscheinlich) oder austreten. Austreten aus dem gigantischen Verlagswesen ist leichter als je zuvor. Das Internet ermöglicht Artikel 5 im Grundgesetz (Das Recht seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern) spielend leicht zu nutzen.

Das Internet ist eine Plattform für alle. Jeder hat die Chance, sich Gehör zu verschaffen. Eine Chefetage, Büro, Druckerei, Anzeigenabteilung ist nicht zwingend notwendig. Et voilà!