Die Nische für ultralange Texte

Wenn du ein durchschnittlicher Leser bist, dann habe ich für diesen Artikel ganze 15 Sekunden deiner Aufmerksamkeit. Das reicht in der Regel für etwa 28 Prozent des Textes. Ein Trend, der sich mit zunehmender mobiler Nutzung noch weiter verschärft. Journalismus wird immer mehr zum Häppchen, das zwischen zwei Bahnhaltestellen oder in der Zigarettenpause konsumiert wird. 

Angebote wie Buzzfeed, NYT Now, Vine oder Twitter haben sich auf dieses Nutzungsverhalten eingestellt. Häppchen, Listen und Kurzvideos. 

Aber überall wo sich ein Trend entwickelt, entsteht auch eine Nische. Eine kleine Gegenbewegung. In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff Long-form Journalism etabliert. Texte, die mehrere Tausend Wörter umfassen und so gar nicht für den Zwischendurchkonsum gemacht sind. Länger als ein Magazin-Artikel und kürzer als ein Buch. Urvater dieses vermeintlich neuen Genres ist der Snowfall-Artikel der New York Times von 2012.

Ein echtes Nischenprodukt, das nach gängiger Ansicht der Branche eigentlich kaum Erfolgschancen haben sollte, ist Wait But Why. Der Longform-Blog hat in etwa so viele Fans auf Facebook wie die FAZ. Ein zweiteiliger Artikel über künstliche Intelligenz wurde 60.000 Mal geteilt. Ein anderer Artikel über die Eigenheiten der Generation Y kommt auf über eine halbe Millionen Shares. Auf Wait But Why erscheint etwa ein Artikel im Monat. Das ganze wird von einem Autor (und seinem Kumpel, der sich um das Organisatorische kümmert) gestemmt. 30 bis 40 Stunden Arbeit für einen einzigen Artikel sind dabei keine Seltenheit, so der Autor in einem lesenswerten Portrait auf FastCompany

Es scheint, als würde dort das Paradies für Journalisten herrschen. Und all das, ohne Millioneninvestition, in anderthalb Jahren aufgebaut. Mittlerweile zählt man stolze 1,6 Millionen Unique Users im Monat.

Ich glaube als Journalist kann man sehr happy sein, dass solche Projekte funktionieren. Ich höre es immer wieder von vielen Bekannten, die sich über die Oberflächlichkeit von Artikeln auf SpOn oder SZ.de beklagen. Gerade wenn das Thema interessant wird, ist der Beitrag bereits wieder zu Ende.

Brauchen wir mehr Mut für ultralange Texte?