"Die Republik": Moderner Journalismus?

Man mag es kaum glauben, aber in der überschaubaren schweizerischen Medienszene bewegt sich einiges. Ja, man kann ehrfürchtig sagen, wir können dort ein bisschen publizistische Zukunft sehen. Seit Beginn des Jahres ist die Republik online, hier mein erstes Urteil.

Entstehung

Ganz am Anfang stand die Idee eines Crowdfundings für ein publizistisches Startup in der Schweiz. Ich habe irgendwann Anfang 2017 zum ersten Mal davon gehört und mein Interesse war sofort geweckt, weil Constantin Seibt einer der Gründer ist und ich seine Arbeit sehr schätze.[1] So ging am 12. April ein Newsletter mit diesen Worten raus: "In diesen Minuten, Punkt 12 Uhr, rufen wir in Bern die Republik aus".

Es folgten viele weitere Newsletter, die übrigens eindeutig die Handschrift von Seibt tragen: Keine Angst vor ultralangen Texten, für manche der Newsletter muss man sich 20-30 Minuten Zeit nehmen. PS, PPS und PPPS am Ende. Und die ganze Kommunikation ist an den Stil von Howard Luck Gossage angelehnt. Aber das nur am Rande, ich habe jedenfalls jeden Newsletter genossen.

Das Ziel von Republik ist nichts weniger als den Journalismus und damit die Demokratie zu retten. In dem Manifest heißt es:

Ohne Journalismus keine Demokratie.
Und ohne Demokratie keine Freiheit. Wenn der Journalismus stirbt, stirbt auch die offene Gesellschaft, das freie Wort, der Wettbewerb der besten Argumente.

Etwas weniger abstrakt wurde das Ziel in einem der Newsletter zum Funding beschrieben:

Im Kern sehen wir uns als Dienstleistung für kluge Menschen in einer komplexen Welt. Sie leben ein vernünftiges Leben: mit Job, Familie, Hobby. Sie haben nicht die Zeit, sich 24 Stunden am Tag um allen Lärm der Welt zu kümmern. Wir haben sie. Unser Job als «Republik»-Redaktion werden die grossen Themen, Debatten, Fragen sein – kurz: alles, was lärmig, verwickelt oder unklar ist.

Das hört sich dramatisch an, auch überzogen. Ein bisschen zu ideologisch vielleicht, aber lasst sie doch einfach mal probieren! Und es zeigt auch die Aufbruchsstimmung, den Wille im Team von Republik.

Und es gibt durchaus Gründe, warum eine neue schweizerische Publikation, die unabhängig von einem großen Verlag oder Anzeigenerlösen agieren kann, notwendig ist. Die Medienmacht von Christoph Blocher und seiner rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) ist groß. Der Multi-Milliardär kauft sich ein Medienimperium zusammen mit dem viele nicht einverstanden sind. Das gesammelte Geld für die Republik ist sicherlich auch Geld, das weniger für das junge StartUp, sondern vor allem gegen das Blocher-Imperium investiert wurde (und für Seibt-Texte). Das ist wahrscheinlich die Erfolgsformel: Richtiges Timing (politisch und ökonomisch), prominente Zugpferde und sehr gute PR.

Finanzierung

Über drei Millionen Euro wurden durch das Crowdfunding eingespült (hier findet man noch die Seite im Web Archive). Im Vergleich: Krautreporter hat eine Anschubfinanzierung von 900.000 Euro per Crowdfunding bekommen und das große Vorbild De Correspondent aus den Niederlanden sammelte zu Begin 1,7 Millionen Euro ein. Die Republik hatte bereits am ersten Tag des Fundings mehr als 1,7 Millionen gesammelt. Das bedeutet: Sie haben den Weltrekord im Crowdfunding für Medienprojekte gebrochen und das drittgrößte Crowdfunding in der Schweiz überhaupt durchgezogen. Respekt und Chapeau dafür.

Hinter der Republik steht die gemeinnützige Genossenschaft Project R. Die Republik ist letztlich das erste Projekt der Genossenschaft und jeder Abonnent wird Mitglied. Oder bei einem Medienprojekt könnte man das Mitglied auch als Verleger beschreiben. Wir kennen ein ähnliches Konzept in Deutschland: die taz, mit einer Genossenschaft, die als Holding für den Verlag fungiert und 17.000 Mitgliedern zählt.

Bei der Republik sieht der Bauplan etwas komplizierter aus. Man möchte neben der gemeinnützigen Genossenschaft eine gewinnorientierte Aktiengesellschaft aufbauen. Letztere stellt das Magazin her, inklusive Redaktion, Vertrieb und Produktion. Eine Art "Mutter-Kind-Modell", wie es die Macher nennen. Das wirkt auf mich wie eine juristische Kopfgeburt. Allerdings scheint sie interessante Möglichkeiten der Macht- und Interessenverteilung zu ermöglichen. So werden die Abonnenten über die Genossenschaft 40 Prozent der Aktien halten und damit den größten Block der Anteilseigner ausmachen.

Der Start und das damit verbundene Medienecho hat übrigens direkt 2.000 neue Abonnenten angelockt. Die taz hat man damit mit etwa 17.700 Genossenschaftsmitgliedern überholt[2] Bei ca. 200 CHF monatlicher jährlicher (Korrektur vom 30.01.18) Abo-Kosten kommt man auf einen Umsatz von über 3 Millionen Euro, dazu kommen noch etwa 3,5 Millionen Investorengelder.

Inhalte

Was die Republik bisher veröffentlicht hat, sind ganz sicher keine Inhalte von der Stange. Der erste Artikel "Zuckerbergs Monster"[3] von der jungen Journalistin Adrienne Fichter, die sich auf das Thema digitale Demokratie spezialisiert hat, legte in gewisser Weise die Messlatte. Ohne Frage, ein toller Text. Und er ist lang. Darauf folgten sogar noch längere Artikel, wie der erste Text von Seibt (50.000 Wörter) mit dem wunderschönen ersten Satz: "Warum Ihr Verstand oft nur der Pressesprecher für jemand Unbekannten gleichen Namens ist."

Seibt versteht es wie kein andere, den Leser bei der Stange zu halten und durch langen Content zu führen. Aber nicht jedem Leser gefiel es und oft wurde in den Kommentaren verzweifelt gefragt, wann man denn solch einen Artikel lesen sollte?! Am Frühstückstisch hat man eben nicht mal so eine Stunde Zeit für solch ein monströses Stück. Kurz darauf folgte in den Kommentaren eine Entschuldigung von Seibt – mit etwas Augenzwinkern:

Pardon. Die Pferde waren ein Jahr im Stall, dann sind sie ein wenig wild über die Prärie galoppiert. Es war ein wenig viel in meinem Kopf. Ich werde mich in Zukunft kürzer halten.

Mir gefällt der Mut zur Länge. Das ist natürlich kein Qualitätsmerkmal, aber dennoch erfrischend. Erfrischend sind auch die unterschiedlichen Stilrichtungen. Von ausführlichen Reportagen (ein toller US-Roadtrip) über Gerichtstexte und eine Kolumne von Sibylle Berg "Nerds retten die Welt!". I like. Bitte mehr davon.

Technik & Gestaltung

Journalismus ohne Bullshit wurde versprochen. Das gilt sicherlich nicht nur für die Inhalte, sondern auch für die Gestaltung. Es gibt keine Werbung, ein größeres Geschenk kann man einem Designer erstmal nicht machen. Entsprechend aufgeräumt kommt das Layout daher. Eindeutig mit einem mobile first-Ansatz[4] und konsequent vom Inhalt her gedacht.

Letztlich ist es der Mut Dinge einfach wegzulassen, der die Erscheinung bisher ausmacht. Ich hoffe, das ist nicht der frühen Entwicklungsphase geschuldet, sondern Teil des Konzepts und wird auch so bleiben. Der aktuelle PageSpeed liegt laut Google bei 99/100 Punkten (mobil). Im Vergleich: SpOn kommt auf 63/100.

Es gibt neben der reinen Gestaltung noch zwei weitere Gründe, warum die Seite so aufgeräumt wirkt:

  1. Es erscheinen maximal drei Artikel pro Tag – bei elf Redakteuren übrigens. Man hat also jeden Morgen bereits einen Überblick und kann mit einer Stunde pro Tag so ziemlich alles lesen.
  2. Niemand muss auf der Übersichtsseite mit irgendwelchen Tricks zum Klicken animiert werden. Die Leser bezahlen und sind bereits motiviert zu lesen. Clickbaiting ist bei solch einem Konzept schlicht nicht nötig. Und das ist – toll!

Fazit

Wenn der erste Hype sich gelegt hat, wird die Etablierungsphase für die Redaktion kommen. Leser müssen langfristig gebunden werden. Dafür gibt es kein Erfolgsrezept, aber nach dem ersten Eindruck traue ich das den Machern zu. Sie haben mit der Inszenierung der Kampagne und des Launchs das richtige Gefühl für die Bedürfnisse der Leser bewiesen. Wenn Sie jetzt auch inhaltlich für Furore sorgen (investigative Stories fehlen bisher noch), dann könnten sie sogar über die Schweiz hinaus den deutschsprachigen Lesermarkt aufmischen.

Die Republik hat gezeigt, dass journalistische Startups – ganz ohne Altlasten – funktionieren. Und das sollte uns alle optimistisch stimmen. Keine Werbung, keine Ablenkungen. Ein recht demokratisches Gesellschaftsmodell. Die Leser finanzieren die Redaktion nicht nur, sie gehört ihnen auch. So kann Journalismus seinen Ruf, den er in den letzten Jahren durch Clickbaiting und Fake News in den Sand gesetzt hat, wieder kurieren.


  1. Ich kann jedem nur sein Buch "Deadline" empfehlen. Eine Pflichtlektüre für jeden, der schreibt. ↩︎

  2. wobei die taz natürlich mehr Einnahmequellen wie Printverkauf und Anzeigen hat und nicht jeder Abonnent auch Genossenschaftsmitglied wird; De Correspondent verzeichnet aktuell 50.000 Abonnenten. ↩︎

  3. Ich bin mir nicht sicher, ob Nicht-Abonenten die Artikel aufrufen können. Zumindest die über Twitter geteilten Links sind frei verfügbar. ↩︎

  4. Eine App soll in Kürze folgen. Ich sehe da aber ehrlich gesagt keinen Mehrwert. Wer in einer App sowieso nur die Website abbildet, kann sich die Mühe auch sparen. ↩︎