Europäischer Ableger von Politico startet

Als ich vor zwei Jahren in Washington war, staunte ich nicht schlecht, als ich eine Politico-Ausgabe am Empfang von meinem Hostel entdeckte. Ich staunte, weil die Ausgabe gratis war. Quasi ein Anzeigenblättchen, deren renommierter Ruf allerdings bis nach Europa bekannt ist. Der Inhalt: Recht schwere politische Kost aus dem Herzen des Machtzentrums Amerikas. Ziemlich bissig geschrieben. Ein Anzeigenblättchen über den mühsamen politischen Alltag? Wie kann das funktionieren?

Am Dienstag startet politico.eu (eine Landing Page existiert bereits). Dabei handelt es sich um den europäischen Ableger in Brüssel der bemerkenswert erfolgreichen Mutterausgabe aus Washington D.C. Der derzeit extrem investitionsfreudige Springer-Verlag ist mit 50 Prozent dabei und soll als Eintrittstor in den europäischen Markt dienen.

Politico wurde 2007 gegründet und die Printausgabe hat eine Auflage von 30-40.000 in D.C. und Manhattan. Mittlerweile beschäftigt die Publikation knapp 250 Journalisten. Das Zugpferd bei der Reichweite ist aber die Website, die monatlich zwischen vier und fünf Millionen Leser erreicht. Die Einnahmen kommen nach eigenen Angaben zur Hälfte aus dem Printgeschäft und zur Hälfte von der Website. Mittlerweile finanziert sich Politico auch durch Events in Washington (Wahlkampfveranstaltungen für Republikaner und Demokraten) und dem speziellen Pro-Service. 

Politico Pro ist eine Art Nachrichtendienst für Politiker und Lobbyisten. Die Abonnenten können eine Themenauswahl treffen und bekommen ein regelmäßiges Briefing. Das lässt sich Politico mit einigen Tausend Dollar im Jahr bezahlen. Ein interessantes Modell, denn Lobbyisten gibt es in Brüssel zu genüge (genau genommen liegt Brüssel auf dem zweiten Platz hinter D.C. in der Statistik). 

Letztlich finanziert sich Politico also über drei Säulen: Anzeigen (50%), Pro-Abonnement (40%) und Events (8%). Sollte diese Modell auch in Europa funktionieren kann Politico einen wesentlich größeren Markt erreichen. Die EU hat 66 Prozent mehr Einwohner als die USA. Zumindest in der Theorie also ein interessanter Markt. Letztlich aber schwer zu beurteilen, da Politico eine sehr spezielle Leserschaft anspricht: Stark vernetzt, finanzstark und international. 

Schafft es Politico mit Hilfe von Springer, der sicherlich den Eintritt in den europäischen Markt ebnen wird, seine hohe Anzahl an Pro-Abonnenten auch hier zu erreichen, haben wir bald eine sehr solide finanzierte und echt europäische Publikation aus Brüssel.

Politico.eu startet mit einem Team aus 30 Journalisten, die auf Englisch berichten werden. Mit der Finanzierung aus dem Springer-Deal von zehn Millionen Dollar möchte man sich bald auf 60-70 Reporter erweitern. Auch eine deutsche Ausgabe ist wohl geplant.

Bissiger Polit-Journalismus kommt nach Brüssel. Ich bin gespannt. Übrigens: Politico hat seine Wurzeln auch in einem Newsletter vom Mitgründer Jim VandeHei. Lang lebe der Newsletter als Keimzelle - und wenn dir dieser gefallen hat, dann empfehle ihn doch weiter!