tag:sludern.com,2013:/posts sludern dot com 2017-07-30T10:52:38Z tag:sludern.com,2013:Post/1176001 2017-07-22T12:39:12Z 2017-07-30T10:52:38Z Social Media ein unabdingbarer Bestandteil der PR? Not so much…
Mut zur Lücke, auch mal gegen den allgemeinen Trend. Einfach mal öfters „Nein“ sagen und seinen eigenen Weg gehen. Genau das sollte vor allem der Nachwuchs, die junge Generation, öfters machen. Wir hecheln der Digitalisierung hinterher, versuchen neue Trends zu verstehen, obwohl sie eigentlich niemand versteht. Diese Gedanken haben mich vor einem Monat auf auf dem #WTFBerlin17 begleitet. Und sie kamen wieder, als ich den Kommentar von Stephanie Tönjes (Deutsche Telekom) im PR Report gelesen habe.

Stephanie schreibt über die Spezies in der Kommunikationsbranche, die sich Social Media verweigert: „Stolz darauf zu sein, Social Media nicht zu nutzen, ist in meinen Augen ein absolutes No Go und zudem für einen Kommunikationsprofi einfach nur peinlich.“

Sollte jeder Kommunikator die Mechanismen und Möglichkeiten der Plattformen mittlerweile kennen? Absolut. Sollte jeder diese auch nutzen? Nicht unbedingt.

Wir sollten die Werkzeuge nicht zu sehr in den Mittelpunkt rücken. PR verfolgt klar definierte Ziele und sollte an den konkreten Ergebnissen gemessen werden. Wie diese Ziele erreicht werden, da sollten wir verdammt nochmal kreativer und mutiger werden.

Jeder Friseurladen um die Ecke hat mittlerweile eine Facebook-Seite – und das schon seit Jahren. Diese PR-Menschen, wie von Stephanie (und Daniel Neuen) beschrieben, die noch nichtmal eine konkrete Vorstellung der Funktionsweisen von Social Media haben, kann man mit gutem Gewissen aufs Abstellgleis schieben. Diejenigen, deren Kreativität beim Einsatz von Social Media aufhört, allerdings auch. Ich twittere, ergo bin ich modern.

Modern ist, neue Wege zu beschreiten. Modern wäre heute zum Beispiel auch, auf Social Media in der Kommunikation zu verzichten. Den Massen, die um Aufmerksamkeit kämpfen, einfach aus dem Weg gehen. Dafür andere Kanäle nutzen und letztlich das Ziel effektiver zu erreichen. PR bedeutet ein einmaliges Profil zu entwickeln. Wiedererkennungswert, Einmaligkeit.

Um dies zu erreichen, muss man entweder die Mittel der Massen nutzen, aber wesentlich besser dabei sein oder bestehende Lehrbuchmeinung über den Haufen werfen und etwas Neues finden.

Etwas Neues wird man nicht in schlauen PR-Büchern oder in den zahllosen Ratgeberartikeln im Web finden. Auch nicht der Praktikant, der fleißig auf Snapchat unterwegs ist, wird einem helfen. Dieser neue Weg ergibt sich aus dem konkreten Unternehmen selbst. Er ist völlig individuell und muss von dem Kommunikator mühsam erarbeitet werden. Er hängt ab von der Unternehmens-DNA, der unternehmerischen und somit auch kommunikativen Zielsetzung – und von dem, was die Mitbewerber machen. Genau das, sollte dann wahrscheinlich nicht gemacht werden. Das kann dann mit Hilfe von Social Media – oder eben auch ohne sein.

Die große Kunst der PR liegt nicht in den Kenntnissen über Kanäle und Technologien. Das sind Werkzeuge. Die große Kunst liegt darin, zu analysieren, wie sich ein Unternehmen in der Öffentlichkeit positionieren sollte und mit welchen Inhalten dies erreicht wird. Dann kann eine gute Pressemitteilung immer noch besser als ein schlechter Snap sein. „Peinlich“ ist der bewusste Verzicht auf Twitter eben nur, wenn das Gesamtergebnis auch kacke ist. ¯\_(ツ)_/¯

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1167301 2017-06-25T12:18:19Z 2017-06-25T12:23:17Z Learnings vom #WTFBerlin17
Was passiert, wenn hunderte junge (u35) Kommunikatoren im Prenzlauer Berg zusammenkommen? Nun, ein lockeres Rätselraten über die Zukunft der Branche. Man nennt es ein Festival, das erste seiner Art, bzw. genauer das „We Transform Communication Festival“. Ich war für die i22 dabei und das sind meine Learnings.

1. Ratlosigkeit

Dirk von Gehlen hat es mit der Eröffnungs-Keynote auf den Punkt gebracht: Die Kommunikatoren sind überfordert. Die Empfänger sind überfordert. Wir wissen nicht, was funktioniert und was nicht. Wir müssen spielerisch alles Mögliche probieren und jedes Unternehmen muss seine eigene Lösung finden.

Ich stimme zu. Eine Sache kommt mir dabei aber zu kurz: Mut und Fokus. Wer den Mut findet, auch „Nein“ zu den zahlreichen Möglichkeiten zu sagen und mit Laser-Fokus nur ausgewählte Kanäle und Formate einsetzt, spart Ressourcen und zeigt mehr Profil. Mut zur Lücke!

Keynote von Dirk von Gehlen, Leiter SocialMedia bei der SZ.

2. Haltung zeigen

In erster Linie geht es bei jedem Unternehmen um Profit. Keine Frage. Für den Erfolg braucht man auch heute noch möglichst hohe Aufmerksamkeit, ein starkes Produkt und bessere Preise als die Konkurrenz. Soweit, so alt.

Die Digitalisierung macht Unternehmen allerdings immer austauschbarer. Der andere Anbieter ist nur einen Klick entfernt, der Wechsel ist für Kunden meist ein Klacks.

Wer heute noch ernstgenommen werden möchte und nachhaltig Nutzer an sich bindet, muss Haltung zeigen. Unternehmen müssen eine weitreichendere Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Sie müsse zeigen, dass sie für etwas stehen, was über das eigentliche Business hinausgeht. Das kann der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern, der Umwelt, der aktuellen Politik, der Konkurrenz oder was auch immer sein. Wir müssen Unternehmen Werte und Haltung geben, denn sie spielen in der Gesellschaft eine wichtigere Rolle als einfach nur Profitanhäufung.

3. Influencer vs. Mitarbeiter

Der WWF schickt YouTuber in die Savanne, Muschda Sherzada von AboutYou findet Influencer super (ist auch immerhin das Geschäftsmodell von AboutYou) und Sascha Pallenberg bestreitet jegliche Authentizität der YouTube und Instagram-Sternchen.

Wer ist also der bessere Botschafter für eine Marke? Die heutigen Stars der Teens, die unglaublich stark engagierte Followerschaften mit sich bringen? Oder doch die Mitarbeiter eines Unternehmens, deren Reichweite meist völlig unterschätzt wird?

Ich glaube, die Social-Media-Influencer sind gekommen um zu bleiben. Das ist kein Hype, das wird eine konstante Macht im Werbemarkt bleiben. It-Girls gibt es schon seit 100 Jahren, die neumodischen Influencer sind nur eine perfektionierte Variante davon. Es sind die professionalisierten Werbe-Bitches der heutigen Zeit.

Screen aus der Präsentation von Melanie Gömmel.

Allerdings sind Mitarbeiter langfristig die wesentlich stärkeren Botschafter. Sie sind authentischer: Influencer werben heute für deine und morgen für eine andere Marke, Mitarbeiter haben ein echtes Commitment für ein Unternehmen. Sie haben Fachwissen, das nicht künstlich angelernt ist, sondern aus ihrer täglichen Arbeit kommt. Für Unternehmen selbst ist es aber wesentlich schwieriger die Mitarbeiter zu aktivieren. Eine gelungene Kommunikation direkt aus den Reihen der Kollegschaft? Das kostet viel Arbeit, Zeit und birgt natürlich auch ein gewisses Risiko.

4. Powerpoint-Trends

Großflächige Emojis. Egal, ob es wirklich Sinn ergibt oder auch nicht. Gerne auch jede Menge GIFs, die vom Inhalt ablenken. Aber keine Sorge, die guten alten Slides mit CD und Stock-Photos gibt es immer noch ¯\_(ツ)_/¯.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1162709 2017-06-11T11:24:19Z 2017-06-11T11:24:19Z Apples WWDC 2017 Apple hat diese Woche seinen jährlichen Einblick in aktuelle Produktentwicklungen gegeben. Wie immer, versuchen Journalisten und Apple-Fans eine Bewertung abzugeben. Ist der Konzern noch innovativ genug oder war es eine enttäuschende Veranstaltung?


Es ist immer leicht zu sagen, dass Apple dieses Jahr keine neue Revolution von der Wucht eines iPods oder iPhones vorgestellt hat. Alles etwas eingeschlafen seit Steve Jobs.

Aber so einfach ist es nicht. Apple 2017 ist ein ganz anderes Unternehmen als vor 10 Jahren. Und vor allem der Markt an Mitbewerbern hat sich dramatisch geändert. Microsoft hat sich enorm modernisiert, Amazon ist einer der stärksten Player geworden. Die Konkurrenz schläft heute nicht mehr, wie es früher bei IBM, Microsoft, RIM oder Nokia eher der Fall war.

Apple setzt nicht mehr auf eine risikoreiche Beschleunigung, jetzt geht es eher um eine passiv-aggressive Abwehr der Marktstellung. Und das hat die WWDC 2017 gezeigt.

  • Man reagiert auf die Konkurrenz und kündigte einen Sprachassistenten fürs Wohnzimmer an
  • Man reagiert auf die zahlreichen Kundenstimmen, die mehr Liebe für Profi-Anwender forderten (iMac Pro, File-Manager und Dock für iPads)
  • Man reagiert auf die großen Themen, die niemand mehr ignorieren kann: Machine Learning, VR und AR
Apple hebt sich von der Konkurrenz dennoch weiterhin ab. Man fährt ein anderes Geschäftsmodell, dass sich über hohe Hardware-Margen finanziert und dafür an vielen Stellen die Nutzerbedürfnisse mehr in den Mittelpunkt stellen kann: Kein Autoplay von Videos, AdBlocker, Verschlüsselung, Datenschutz und ein mittlerweile exzellenter Kundenservice.

Es läuft für Apple. Auch wenn es nicht mehr Jobs-Style ist. Jobs wollte die Nutzer erziehen, er wollte häufiger Nein sagen. Kein Stylus, kein AppStore, klare Abgrenzung des iPads, einfache Produktpalette. Tim Cook hingegen, hört auf die Nutzer – und liefert.

Soweit so gut. Zwei Dinge bereiten mir allerdings etwas Sorge:

  1. Der HomePod wurde vor allem als Lautsprecher für Musik vorgestellt. Klar, Musik war für Apple immer ein wichtiger Part. Aber es zeigt eigentlich, dass man bei der ganzen Thematik intelligente Assistenten abgehängt wurde. Jetzt wirft man also erstmal die Hardware auf den Markt und hofft, dass man bei der Software irgendwie die Konkurrenz einholen kann.
  2. Das iPad wird immer mehr ein Gerät, dass sich nicht einordnen lässt. Das war allerdings von Anfang an das Problem. Apple verkauft mit seiner Hardware eigentlich immer eine klare Idee, einen klaren Nutzen. Nicht so mit dem iPad. Der Kunde muss sich selber überlegen, wie zur Hölle er das Gerät eigentlich einsetzen sollte. Ist es jetzt ein Laptop-Ersatz? Wieso sollte es dann aber besser als ein Laptop sein? Ist iOS das System der Zukunft oder bleibt MacOS das Arbeitstier? Keine Ahnung...

Apple tut gut damit, auf die Nutzerbedürfnisse zu hören. Wenn das allerdings dazu führt, dass man keine eigene Langzeitstrategie mehr hat, dann wird es die Produktpalette verwässern und der Konzern wird zu einem zweiten Samsung werden.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1160502 2017-06-04T13:14:33Z 2017-06-04T13:14:33Z Die großen Tech-Player bleiben, die Entwicklung wird aber rasant
Angenommen man kauft Aktienanteile an den fünf großen Tech-Konzernen der heutigen Zeit: Amazon, Apple, Facebook, Alphabet und Microsoft. Diese hält man ungefähr 10 Jahre und wird am Ende eine ordentliche Wertschöpfung haben. Die Wertschöpfung der Fünf wird ungefähr der gesamten Wertschöpfung im Bereich Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Werbung und Medienkonsum im kommenden Jahrzehnt entsprechen.

Warum? Weil sie eine marktbeherrschende Stellung haben und Gewinne und Verluste sich entsprechend nur verschieben.

Beispiel: Amazon gewinnt im Music Streaming Marktanteile. Apple verliert entsprechend, sie werden aber nur umverlagert. Wer wird das erste richtige Geschäftsmodell mit VR und AR entwickeln? Es wird einer der Fünf sein. Und falls es doch ein anderer, neuer Player ist, wird er von einem der Fünf aufgekauft.

Und warum ein Invest über 10 Jahre? 10 Jahre sind in der beschleunigten Tech-Welt gefühlt eher 50 oder vielleicht 100 Jahre. Exponentielles Wachstum der exponentiellen Fünf (meshedsociety.com).

Wir müssen in kürzeren Zeitetappen denken, dabei aber gleichzeitig in größeren Entwicklungssprüngen.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1155523 2017-05-20T16:22:51Z 2017-05-22T10:56:02Z Der gedankliche Quantensprung in eine digitale Welt
Es wird im Moment so viel über Künstliche Intelligenz gesprochen. Google hat auf seiner Entwicklerkonferenz gezeigt, dass der Konzern dort seine Zukunft und Kernexpertise sieht. "AI is just the modern way of doing software", sagte Nvidia CEO Jensen Huang kürzlich.

Der Begriff "Künstliche Intelligenz" oder auch "Machine Learning" irritiert mich irgendwie jedes Mal, wenn ich ihn lese. Es hört sich immer so an, als wäre das Ziel, dass Computer denken können wie Menschen. Sie sollen ein Gehirn bekommen und dem Menschen ebenbürtig werden.

Das wird nicht passieren. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Computer die volle Spannweite der menschlichen Intelligenz erreichen kann. Dabei denke ich vor allem an subjektive Bereiche wie Bewusstsein, Gefühl oder ein eigener Wille. Und generell Fähigkeiten, die nur in Wechselwirkung mit der Umwelt definierbar sind.

Und dann ist da noch etwas, was mich bei dem Thema stört. Wir möchten echte KI entwickeln, dabei sind die meisten Menschen bei der jetzigen Entwicklung schon abgehängt. Bevor der Computer ein menschliches Gehirn bekommt, sollten wir unsere Gehirne mal updaten.

Moment! Ich sage damit nicht, dass bestimmte Menschen dumm sind. Ich sage nur, dass sie sich nicht frei machen von alten Ansichten. Wieso sprechen wir eigentlich immer noch von "dem Internet"? Oder einem "Cyberwar", der irgendwie im Digitalen stattfindet. Das Internet ist kein separater Raum in dieser Welt, der irgendwie aus Bits und Bytes und Trollen besteht. Das Netz ist einfach eine Entwicklung, die die Welt vernetzt und alles beschleunigt. Es ist vollkommen real.

Wenn die Tagesschau in einem Beitrag "Quelle: Internet" angibt, dann hätten sie genauso sagen können: "Quelle: Welt, Luft, Planet Erde".

Bevor wir Computern mehr Intelligenz verleiben möchten, sollten wir in unserer Wahrnehmung mal einen Quantensprung vollziehen und uns von der alten Analog-/Digital-Denke verabschieden. Das Internet ist kein Ding, Cyberwars sind völlig real und unterscheiden sich nicht wesentlich von – nun, von Kriegen. Und die Digitalisierung oder die digitale Transformation ist keine Phase. Sie wird nie enden – es sei denn die Zivilisation wird durch einen Asteroideneinschlag oder einen Klimakollaps ausgelöscht.

Wir müssen uns die Fähigkeit für gedankliche Quantensprünge aneignen. Egal, ob es um technologische Entwicklungen oder Unternehmensmodelle geht. Allzu oft hängt unsere Wahrnehmung noch in einer Anfangs- oder Übergangsphase fest, obwohl wir uns längst in einer neuen Wirklichkeit befinden.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1152216 2017-05-07T12:25:30Z 2017-05-07T12:28:16Z Gedanken & Links zur Woche #18: Tech-Messies und das Beenden von Dingen

Die Woche ist schon wieder fast vorbei, aber das Wichtigste steht uns noch bevor: die Wahlen in Frankreich.

Mich hat über das Wochenende aber auch ein anderer Gedanke beschäftigt: Quitting. Nein, nicht das Rauchen, den Job oder die Beziehung. Sondern das Thema „Quitting“ und Technologie.

Es gibt so viele Tech-Messies da draußen. Die Leute abonnieren, registrieren, installieren. Apps, Cloud-Services, Social Networks, Subscriptions… All das wirkt manchmal wie eine Einbahnstraße, denn wann deinstallieren und kündigen wir eigentlich?

Das ist keine Überraschung. All das Marketing, die Milliarden-Budgets in Werbung, befördern das „Hinzufügen von Dingen“ in unser Leben. Wer gibt uns schon Anreize zum Entmisten und Loswerden?

Unternehmen sicherlich nicht. Im Gegenteil. Sie versuchen uns abhängig zu machen (vom Autor von „Hooked“, ein Klassiker zu dem Thema mittlerweile). Wir werden in Ökosysteme hineingezogen, geraten unter sozialen Druck bestimmte Dinge zu nutzen.

Und das Hinzufügen ist so leicht, es tut nicht weh. Viele Dinge sind kostenlos verfügbar, weil wir uns selbst zum Produkt machen. Digitale Services türmen sich auch nicht mehr im Schrank zuhause auf. Sie lagern unsichtbar in der digitalen Welt, sie verstopfen weder unsere Festplatte noch unsere Wohnung.

Und dennoch ist das Beenden von Dingen wichtiger denn je zuvor. Es ist die größte Waffe, die Konsumenten haben.

Du bist mit der Firmenpolitik von Uber nicht einverstanden? Quit it. Ein Dienst ändert seine AGBs, ohne dies verständlich zu erklären? Quit it. Du nimmst deinen Facebook Newsfeed mehr wahr als deine Familie? Quit it.

Das Beenden von Dingen ist eine Kernfähigkeit in der heutigen Zeit. Wer nicht Dinge beendet, kann keine neuen beginnen. Und die digitalisierte Welt dreht sich immer schneller. Always forward, never backward. Mehr Mut zum Beenden und dafür Platz für Neues schaffen!

Ein Großmeister des Beendens ist übrigens Tech-Journalist Paul Carr. Er hat seine Alkoholabhängigkeit beendet, seine Uber-App bereits vor über fünf Jahren deinstalliert, ein großartiges Rücktrittsschreiben bei seinem damaligen Arbeitgeber Techcrunch geschrieben, all seine Online-Accounts gelöscht und schließlich dem Silicon Valley komplett den Rücken gekehrt (Pando.com).

Wir sollten uns davon alle eine Scheibe abschneiden.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1150766 2017-05-01T16:10:24Z 2017-05-01T16:18:22Z WikiTribune, Republik und Co: Und der Journalismus lebt…

Trump hat den Journalismus gerettet. Und der Brexit hat sicherlich auch seinen Teil dazu beigetragen. Einige Publikationen, wie die New York Times, das WSJ und die Post, spüren das bereits bei Ihren Abo-Zahlen. Die Stimmung in den Redaktionen ist zwischen kampfeslustig, enthusiastisch und oft auch am Rande der Kräfte. Dazu ein schönes Porträt über die grey, old Lady (Spiegel) – Leseempfehlung!

Es ist offensichtlich geworden: Man muss keine Listicles, lustige GIFs und explodierende Wassermelonen vertreiben, um online Geld zu verdienen. Saubere Fakten, tiefe Recherche und vor allem Unabhängigkeit funktionieren als Kaufargument für Nachrichtenpublikationen. Die uralten Werte sind wieder gefragt und der Qualitätsjournalismus hat endlich wieder seinen USP gefunden.

Screenshot von NyTimes.com: Endlich wieder stolz auf die eigenen Qualitäten.

Es bedurfte des mächtigsten Mannes der Welt, der auf die Medien wie ein wilder Stier losging. Es hätte der Todesstoß für eine Branche sein können, die seit über zehn Jahren verzweifelt ihre Rolle in einer digitalisierten Welt suchte. Es kam aber anders. Ein notorisch lügender US-Präsident, der aufkeimende Populismus und ein wachsender Verdruss unzähliger Click-Bait-Formate verhilft den alten, ehrwürdigen Publikationen zur zweiten Luft.

Allerdings sind es nicht nur die etablierten Player. Es kommen aktuell unglaublich viele neue Publikationen auf den Markt. Es sind sehr spannende Zeiten für Journalisten und Leser. 

Hier eine Liste, bitte stöbern und bei Gefallen supporten:

  • Axios: Ein ambitioniertes Projekt von Politico Co-Founder Jim VandeHei. Der Clou: Ein verkürztes, übersichtliches Format für Berichterstattung über Tech, Politik und Wirtschaft. Erinnert mich durchaus auch an Quartz.
  • TheHustle: Ein täglicher Newsletter zu Tech- und Business-Themen. Sehr frech und erfrischend im Ton. Auf jeden Fall vielversprechend, immerhin haben Sie über 300.000 Abonnenten in einem Jahr einsammeln können.
  • TheOutline: Das neueste Projekt von Joshua Topolsky (davor bei TheVerge und Bloomberg aktiv). Topolsky ist bekannt für seine progressive Ansichten bezüglich Design und Geschäftsmodell von Publikationen. Die Handschrift erkennt man bei TheOutline zu 100 Prozent. Crazy modernes Design!
  • WikiTribune: About time, würde ich mal sagen. Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, nimmt sich dem Thema Fake News an. Ganz nach dem Wiki-Prinzip (jeder Artikel ist offen für Änderungen, Vorschläge und Erweiterungen) möchte das Team eine Plattform für kollaborativen Journalismus auf die Beine stellen. Letztlich also eine Mischung aus professionellen Journalisten und der Community. Das Funding läuft…
  • Republik: Kein deutsches Projekt in dieser Liste? Leider ja. Aber immerhin etwas deutschsprachiges. Das Schweizer Projekt – rund um den von mir sehr geschätzten Constantin Seibt – ist bereits jetzt das erfolgreichste Crowdfunding für ein journalistisches Projekt in Europa! Damit ist De Correspondent auf Platz 2 verdrängt worden. Hammer! Die Republik setzt übrigens auf eine Genossenschaft, den zahlenden Lesern gehört also der Verlag. Ganz ähnlich der taz und bei der funktioniert es prächtig. Ich bin gespannt.

Foto: Nein, hier gibt's nicht das neue iPhone zu kaufen. Leser stehen Schlange, um ein Abo von Republik.ch abzuschließen.

Es freut mich so unglaublich, wie viel gerade in der Branche abgeht. Und ich glaube, viele haben jetzt verstanden, dass wir einerseits die alten, journalistischen Tugenden als Basis nutzen und gleichzeitig unsere Gewohnheiten bezüglich Formate, Geschäftsmodell und Verbreitung über den Haufen werfen müssen. Digital first, but kick it like oldschool!

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1150724 2017-05-01T14:20:09Z 2017-05-01T17:22:46Z Gedanken & Links zur Woche #17- Uber, Twitter und Digital Ads

Ein langes Wochenende – die beste Gelegenheit für ein paar Artikel mit Tiefgang. Ich habe mal wieder die Perlen der Berichterstattung der letzten Woche durchgestöbert und möchte hier einige Gedanken dazu loswerden.

WTF… Uber?

Was geht ab bei Uber? Das frage ich mich seit Monaten. Es ist nicht neu, dass die Fahrer wenig Rechte genießen (taz.de), auch war das Verhalten des Unternehmens im Rahmen des „Muslim Ban’s“ eine Katastrophe, was zur #DeleteUber-Kampagne führte. Ebenfalls bereits dieses Jahr ging eine ehemalige Mitarbeiterin an die Öffentlichkeit und berichtete von systematischer sexueller Belästigung im Unternehmen (TheGuardian). Und es geht weiter: Uber trackt seine App-Nutzer (NyTimes) – auch wenn diese die App bereits deinstalliert haben – und verstößt damit gegen die Richtlinien von Apples App Store. Tim Cook was not amused und hat die App um ein Haar aus dem Store geworfen. Das wäre womöglich das Ende des gesamten Unternehmens gewesen. 

Uber spielt mit dem Feuer. Oder genauer gesagt, sein CEO Travis Kalanick. Ich kann wirklich nur diesen Artikel in der NyTimes empfehlen. Ein detaillierte Analyse der Person Kalanick. 

Was kann man aus der ganzen Sache lernen?

  1. Uber ist wirklich schlecht in PR
  2. Uber wird von einem exzentrischen CEO geleitet, der die Cowboy-Mentalität im Silicon Valley besonders verkörpert: Zur Not geht es mit dem Kopf durch die Wand und Wachstum geht über alles. Außerdem ist Kalanick ein Zahlentyp und solche Zahlentypen haben meistens Probleme mit Kommunikation und Mitarbeiterführung.
  3. Die Gegner (davon gibt es viele) wird es freuen. Insbesondere die Taxiindustrie und Lyft (TNW).

Außerdem diese Woche lesenswert

  • Twitter ist seltsam. Der tägliche Nutzen, die öffentliche Wahrnehmung. Alles großartig, zumindest in meiner Filterblase. Als Geschäftsmodell und Investment-Case ist Twitter aber nach wie vor eine Katastrophe. Wie könnte man das ändern? (Techcrunch) Oder doch eher so? (Mediapost)
  • Ich beschrieb bereits, warum das Thema Online-Werbung ein leidiges ist. Aber muss es so bleiben? Nicht unbedingt, glaubt Klint Finley in seinem Artikel auf Wired.com. Weniger Tracking, bessere Formate und vor allem ein besseres Zusammenspiel zwischen Advertiser/Publikation und strengeren Regulierungen könnten die Situation verbessern.
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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1148306 2017-04-22T14:17:15Z 2017-04-22T14:17:15Z Mein Wunsch für Frankreich

Am Sonntag sind die Vorwahlen für die neue Regierung in Frankreich. Gleichzeitig entscheidet sich damit die Zukunft der Europäischen Union.

Deswegen dieser Post, ausnahmsweise ohne Bezug zu Tech- oder Medienthemen.

Ich bin 1985 geboren und in einer Zeit der Stabilität aufgewachsen. Weder Kalter Krieg noch ernsthafte Wirtschaftskrisen habe ich bewusst erlebt. Ereignisse wie 9/11 oder der Ukraine-Krieg wirkten auf mich immer beherrschbar. Der Kern, das demokratische System, stand.

Nun ist es anders und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Angst vor Instabilität - und ernsthaften Konsequenzen für meine/unsere Zukunft.

Franzosen, stimmt mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen ab. Denn darum geht es in einer Demokratie.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1148085 2017-04-21T14:50:39Z 2017-04-21T15:14:09Z Social Media und Ich. Beziehungsstatus: „Es ist kompliziert“
Ist Social Media tot? Eine provokante Frage. Immerhin haben die großen Netzwerke Facebook, Twitter und Instagram zusammen drei Milliarden Nutzer. Social Media hat Trump ins Amt geholfen und irgendein Teenager in den USA bekommt über drei Millionen Retweets, damit er ein Jahr lang kostenfrei Nuggets essen kann. Das Internet war eine große Erfindung, aber erst die Social Networks haben wirklich zu einer globalen Vernetzung geführt.

Warum also die Frage? Anfang des Jahres hat Martin Weigert (wohl mein liebster Tech-Blogger) in seinem Blog die Frage aufgeworfen, ob 2016 Social Media gestorben sei. Die Gründe dafür sind ganz persönlicher Natur: Martin hat seine Nutzung kontinuierlich runtergefahren und letztlich festgestellt, dass es ihm gut tut. Stichwort FOMO.

Social Media ist also zumindest für Martin ein Stückweit gestorben. Und auch ich habe bereits öfters mit meiner Nutzung gehadert, einige Zeit völlig verzichtet, nachdem ich mir eine Digitale Diät (vor fast fünf Jahren!) auferlegt hatte. Dann habe ich vor drei Jahren meine Masterarbeit über Twitter und Soziale Diplomatie geschrieben. Heute muss ich mich beruflich damit beschäftigen. Es war ein Auf und Ab und immer eine sehr kritische Nutzung meinerseits.

Aber zurück zum Thema. Tot sind die Netzwerke nicht. Allerdings ist einiges ins Rollen geraten. Die Netzwerke haben uns, die Nutzer, verändert. Und wenn sich die Nutzer verändern, müssen sich auch die Netzwerke verändern. Ein Kreislauf, der zerstörerisch zu sein scheint. 

Was sind die Symptome für den zerstörerischen Prozess?

1. Begrenzte Aufmerksamkeit und Marktsättigung

Aufmerksamkeit ist keine Massenware. Gleichzeitig ist sie aber die Währung, die wir für die Nutzung bezahlen. Wir alle haben nur begrenzte Zeit und Konzentration. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf Social Media bereits unterwegs und jedes neues Angebot oder Feature verdrängt dafür ein anderes. 

Dabei folgt die Entwicklung ganz normalen wirtschaftlichen Regeln. Am Anfang kommt ein Player und eröffnet einen ganz neuen Markt (Facebook) mit einem breiten Ziel („Wir vernetzen alle Menschen“). Neue Anbieter versuchen Sparten zu besetzen, entweder durch eine etwas andere Zielgruppe (Business, Teenager, Fotografen…) oder durch eine andere Herangehensweise. Die Nischennetzwerke führen zu größerer Diversifikation im Markt und die breite Mitte wird kleiner. Eine Entwicklung, die Zuckerberg früh erkannt hat und entsprechend auch Randnetzwerke aufgekauft hat (siehe dazu auch meine Gedanken von letzter Woche). 

Der Markt ist gesättigt. Weiter geht es nur über die Produktentwicklung. Und zwar Produkte, die uns die Möglichkeit geben, noch mehr Aufmerksamkeit in die Netzwerke zu stecken. Das ist der Grund, warum Facebook eine AR-Brille entwickelt. Obwohl wir das Smartphone bereits dutzende Male am Tag aus der Tasche ziehen – mit einer Brille wären wir quasi immer on.

Aber alles hat seine Grenzen und ein Aufschrei, wie der von Martin Weigert, ist mittlerweile fast schon Konsens. Die Menschen merken, dass die Nutzung sich in eine ungesunde Richtung entwickelt. Wir haben genug und zumindest in Einzelfällen kann dies zu radikalen Maßnahmen führen.

2. Exhibitionismus ist langweilig geworden

Die Generation Z nutzt Social Media vor allem zum Konsumieren und Vernetzen – nicht zum Teilen, wie eine Studie von Google ergeben hat. In den Anfangstagen von Facebook oder StudiVZ in Deutschland war das noch ganz anders. Es hatte einen großen Reiz persönliche Erlebnisse auf den Netzwerken zu teilen. Man wollte seine Freunde teilhaben lassen – und zwar im öffentlichen Raum. Allerdings war der Raum noch gar nicht so öffentlich. Auf Facebook hatte man eine Handvoll Kontakte, die man persönlich kannte. Eltern, Lehrer oder Arbeitskollegen waren (noch) nicht Teil davon.

Der Reiz, diese neue Möglichkeit, hielt einige Jahre. Viele mussten es auf die unangenehme Art lernen, dass Gefahren mit dem öffentlichen Agieren einhergehen. Ungeliebte Partybesucher standen auf der Matte, Mobbing passierte und Fotos lassen sich nicht so einfach aus dem Netz mehr löschen, wenn sie erst einmal öffentlich sind. 

Dann kamen die Messenger, die das Bedürfnis nach geschützteren Räumen bedienten. Der Trend geht zu mehr Anonymität und weg von der Massenkommunikation. 

Was hat das mit Facebook gemacht? Es wurde von einem Social Network zu Social Media. Eine Linkschleuder, die mit immer obskureren Methoden um die Aufmerksamkeit der Nutzer kämpft.

3. Der Traum schneller Popularität ist gestorben

Wer sich an die frühen Tage von Twitter erinnert, der weiß wovon ich spreche. Man folgte halt so gut wie jedem. Man mutete seinen Followern auch entsprechend viel zu. Der Klick auf den Retweet-Button ging wesentlich leichter von der Hand als Heute. Und all die Selbstdarsteller und „ich baue mir eine Marke auf“-Menschen hatten gute Chancen genau das zu schaffen. 

Heute sind die Interaktionen zurückhaltender und die sowieso schon populären Nutzer dominieren das Feld. Die Chancen für Neuaufsteiger sind schlecht und wie überall im Medienbereich muss man auch auf den Social Networks mittlerweile hart für Aufmerksamkeit arbeiten. Ein echter Bummer – aber wenig überraschend.

Früher war die Selbstdarstellung der Nutzer größtenteils naiv-authentisch. Heute gleicht sie eher durchgeplanter Werbung. Berechenbar, langweilig und kommerziell. 

Die Ernüchterung ist eingetreten

Social Media ist also nicht tot. Sie ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Entsprechend professionalisiert hat sich unsere Nutzung. Der anfängliche Reiz ist weg, die dunklen Seiten sind sichtbar geworden. Der Versuch noch mehr Aufmerksamkeit, mehr Nutzer zu gewinnen ist verständlich, aber das Potential ist nicht mehr groß. 

Social Media ist etabliert und damit so spannend wie Fernsehen, Radio oder eine Zeitschrift geworden. Das große Zeitalter der Social Networks ist vorbei.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1147853 2017-04-20T18:26:43Z 2017-04-20T18:28:40Z Gedanken & Links zur Woche #16
Facebook war das große Thema der Woche. Die siebte Entwicklerkonferenz F8 fand in Kalifornien statt und im Fokus stand ganz klar Augmented Reality (ReCode). Es sieht so aus, als würde Zuckerberg eine AR-Brille produzieren wollen. Das ist bemerkenswert aus zweierlei Gründen: Google Glass kam bereits vor drei Jahren auf den Markt. Und im letzten Jahr brachte Snapchat die Spectacles auf den Markt. Facebook ist also late to the game.

Aber das sind sie eigentlich meistens – und meistens auch ohne Nachteil. Denn: Es sind nicht innovative Features, die die marktbeherrschende Stellung verteidigen, sondern das gigantische Netzwerk mit seiner unglaublichen Nutzerzahl (NYTimes). So hat FB auch schon beim Video Live Streaming agiert: Sie waren nicht die ersten, aber sie haben die Nutzerbasis, um ein Feature an die Massen zu bringen. Und wenn Snap Inc. ausruft eine Camera-Company zu sein? Dann kommt Zuckerberg und haut neue Kamera-Features raus.

Und da ist noch etwas, was man in dieser Woche gelernt hat: Facebook ist ein Monopol und spielt diesen Vorteil auch gnadenlos aus. Nun, Monopole sind meistens schlecht für eine ganze Branche, auch wenn das Peter Thiel anders sieht – man möge sein Buch „Zero to One“ lesen, beziehungsweise den Artikel „Competition is for Losers“ (WSJ) – Fakt ist aber, Microsoft musste es bereits auf die harte Tour lernen und Facebook sicherlich auch in absehbarer Zeit. Eine – wie immer – sehr gute Analyse dazu von Ben Thompson: Facebook and the Cost of Monopoly (Stratechery).

Bis zur nächsten Woche.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130593 2016-05-22T08:51:00Z 2017-02-12T09:51:35Z Google ist der Meister der Informationen, aber nicht des Sozialen

Früher war das Internet anders. Wilder, vielfältiger und weniger kommerziell. Wie der Wilde Westen. Viele pilgerten ins Web, um sich eigenständig eine Präsenz aufzubauen. Einen Platz für sich zu beanspruchen und am Rausch der technischen Möglichkeiten Teil zu haben. Dabei ging es mitunter chaotisch zu, es gab kaum Standards und meistens waren die neuen Siedler auf Do-It-Yourself angewiesen. Eben eine Pionierzeit. Doch wie beim echten Wilden Westen der USA im 19. Jahrhundert, werden die frühen Tage des Internets oft romantisiert und es dauerte nicht lange, bis Gesetzgeber und Unternehmen Struktur ins Chaos brachten. 

Der wichtigste Player war und ist Google. Als die Suchmaschine Ende der 90er Jahre die vielen kleinen Informationsinseln durchsuchbar machte und das Internet plötzlich als ein Ganzes greifbar wurde, veränderte sich die Netzkultur. Was für den Wilden Westen die transkontinentale Eisenbahn war, ist für das Internet der heranwachsende Gigant Google. Er eint, kommerzialisiert und vertreibt die Anarchie. In den 2000er Jahren hat sich Google zur Heftklammer des offenen Webs entwickelt, sich als Startseite zu einem Informationsimperium durchgesetzt. Doch seitdem hat sich fast alles verändert. Das sogenannte Soziale Netz entstand, die Ära von geschlossenen Plattformen und App-Stores. Hat Google also ein ernsthaftes Problem?

Googles Erfolg ist völlig abhängig von einem einzigen Geschäftsmodell

Das sieht auf dem Papier nicht danach aus. Der Umsatz aus Anzeigenerlösen hat sich in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Pro Sekunde bearbeitet die Suchmaschine 2,3 Millionen Anfragen und kann dabei Ergebnisse aus 60 Billionen indizierten Webseiten liefern. Insbesondere die Suche auf Mobilgeräten konnte in den letzten Jahren für weiteres Wachstum bei den Anzeigen sorgen. 1,4 Milliarden Nutzer verzeichnet das Google-eigene Betriebssystem Android, das standardmäßig natürlich die Google-Suche nutzt. Das sind Zahlen, die einen schwindelig machen.

Aber Google ist verwundbar. 90 Prozent des Umsatzes wird durch Werbung gemacht. Die restlichen zehn Prozent – mit Ausnahme der Erlöse aus dem Google Play Store und Google Apps – stammen aus den experimentellen Moonshot-Projekten wie Google Glass oder selbstfahrende Autos. Seit der Umstrukturierung in die Muttergesellschaft „Alphabet“ sind zum ersten Mal detailliertere Zahlen zu den Projekten abseits des Anzeigengeschäfts bekannt geworden. Und sie sind ein Verlustgeschäft. 3,6 Milliarden Dollar Miese hat Google 2015 damit gemacht. Sicher, das ist für Google keine beunruhigende Summe und diese Projekte sollen größtenteils erst in der fernen Zukunft Profit machen, aber es zeigt deutlich, dass Google derzeit kein zweites Standbein besitzt. 

Es ist nicht so, als hätte Google diese Entwicklung nicht frühzeitig erkannt. Der Konzern hat sich mit aller Macht dagegengestemmt. Seit dem Bestehen hat Google 170 Unternehmen aufgekauft, darunter große Übernahmen wie Motorola oder Nest Labs. Nur als Vergleich, Apple hat im selben Zeitraum 26 Firmen erworben, Facebook seit 2005 ganze 57. Man könnte das jetzt als DNA von Google sehen – ein aggressiver Wettbewerber. Oder als die Suche nach einem zweiten Standbein und der schwierigen Aufgabe eines Dinosauriers des Internets, den schnellen Entwicklungen standzuhalten. 

Schaut man sich das einzige Standbein, die Anzeigenerlöse, genauer an, wird ein weiterer Schwachpunkt deutlich: Google erwirtschaftet den Löwenanteil der Werbeumsätze, 80 Prozent, auf seinen eigenen Seiten und Diensten. Zwar existieren keine genauen Zahlen, wie sich hier die Umsätze aufteilen, aber die mit Abstand populärsten anzeigenfinanzierten Dienste von Google sind die Suche, Gmail und YouTube. 

Sowohl die Suche, als auch Gmail, sind tief im offenen Web verankert. Sie setzen auf offene Standards und sind jeweils Marktführer in ihrem Bereich. Zusammengefasst ist Google also ein Anzeigenunternehmen, das das meiste Geld mit Werbung auf seinen eigenen Diensten macht und die beiden erfolgreichsten Dienste sind wiederum abhängig von offenen Standards. Wenn sich geschlossene Plattformen und proprietäre Protokolle durchsetzen, dann hat Google in der Tat ein Problem.

Das Katastrophenszenario für Google: Wenn Inhalte hinter Mauern verschwinden und offene Protokolle verdrängt werden

Sucht man nach einem Wort, das die Entwicklung des Internets heute bezeichnet, würde Zentralisierung passen. Weg von Hunderten von Lesezeichen für einzelne Webseiten, zusammengesuchten RSS-Feeds und hin zu wenigen, mächtigen Anlaufstellen für Besucher. Diese Knotenpunkte horten riesige Mengen an Inhalten und sind zentral kontrolliert. Das populärste Beispiel ist Facebook, das nicht nur an Nutzern wachsen möchte, sondern eigentlich das ganze offene Internet durch einen riesigen Trichter in die eigenen, kontrollierten vier Wände schütten möchte.

Evan Williams ist jemand, der sicherlich weiß wovon er spricht. Er hat Blogger und Twitter mitbegründet und ist nun CEO von Medium. In einem Interview mit Forbes sagte er den Tod der individuellen Webseite voraus:

„The idea won’t be to start a website. That will be dead. The individual website won’t matter. The Internet is not going to be about billions of people going to millions of websites. It will be about getting it from centralized websites.“

Überleben werden geschlossene Plattformen, die die Tür für Mitbewerber jederzeit schließen oder öffnen können. Die beste Suche nutzt nichts ohne eine große Menge an Inhalten. Facebook beheimatet mittlerweile über zwei Billionen Posts und die Suche wird rege genutzt, letztes Jahr vermeldete der Konzern 1,5 Milliarden Suchanfragen täglich. Google kann mit fünf bis sechs Milliarden Suchanfragen dagegenhalten. Allerdings hat Facebook seine Suchfunktion erst letztes Jahr wirklich nutzbar gemacht und indexiert nun alle Inhalte im Netzwerk. Eine beeindruckende Aufholjagd von Facebook. Und das Soziale Netzwerk ist dabei nicht auf den Zugang zu den Inhalten von Drittanbietern angewiesen.

Ist heute noch die Google Suche der Startpunkt für die meisten Recherchen, könnte Facebook bald die erste Adresse für das Aufstöbern von Informationen sein. Facebooken statt Googlen.

Ähnlich sieht es bei der proprietären Konkurrenz für Gmail aus. Geschlossene Systeme sind auf dem Vormarsch, bieten ein besseres Nutzererlebnis und passen sich schneller aktuellen Trends an. Sie sind direkter, effizienter und so mancher Teenager sieht keine Notwendigkeit mehr darin, überhaupt eine zu besitzen. Auch im Unternehmensbereich hat der Erfolg von Slack und Konsorten gezeigt: Der offene Standard der Email, der es ermöglicht, dass jeder einen Email-Server im Wohnzimmer aufsetzen kann, ist auf dem Rückmarsch. Messenger ersetzen Emails bereits in weiten Teilen und wieder ist ein Spieler Google Meilenweit voraus: Facebook.

Googles weitgehend erfolgloser Versuch: Google+

Google ist ein Meister der Informationen. Kein Unternehmen kann auf ein vergleichbares Repertoire zurückgreifen. Auch Technik kann der Konzern. Die Produkte sind stabil und man ist Qualität gewohnt. Aber kann Google auch social? 

Man versucht es jedenfalls. Vielleicht ist Orkut ein Begriff? Wohl eher nicht, denn das Netzwerk lief in Deutschland weitgehend unter dem Radar, war allerdings bis zu seiner Einstellung vor zwei Jahren ein recht populäres Netzwerk in Indien und Brasilien. Bis Facebook es langsam aber sicher verdrängte und das obwohl Orkut bereits länger am Markt war. Und Google Wave? Ein kurzweiliger Versuch, die Email sozialer zu machen. Und dann natürlich Google+. 

Ist Google+ tot, am sterben oder lebendig? Das fragen sich Techanalysten seit etwa zwei Jahren. Google+ war immer ein künstliches Produkt ohne natürliches Wachstum. In den Markt gedrückt mit der Reichweite, die eben nur Google besitzt. Den Nutzern wurde das Plus fast aufgezwungen – das Netzwerk sollte der alles vereinende Dienst bei Google werden. Die Nutzer waren und sind in großen Scharen auch da. 2,2 Milliarden Profile. Aber sie sind nicht aktiv. Beziehungsweise nur ein Prozent davon, Tendenz sinkend. Sie haben keine Lust, ihre Klarnamen, Geburtstage oder Fotos zu teilen und für einen regen Nachrichtenstrom zu sorgen. Sie fühlen sich nicht heimelig und der als Datenkrake verschriene Konzern kann sich das social offensichtlich nicht aufschminken.

Was von Google+ mittlerweile noch bleibt, ist kein Soziales Netzwerk mehr. Es sind hervorragende Einzeldienste, die eben technisch toll sind, wie Google Photos oder Hangout, aber Google kann nicht social. Das sozialste was der Durschnittsnutzer bei Google macht – ist sich selbst zu googlen.

Google ist ein Unternehmen, das seinen Ursprung im Wilden Westen des Internets hat. Es liegt in dessen DNA, den Profit aus dem chaotischen Informationshaufen zu ziehen. Facebook hingegen hat sich sein eigenes Reich geschaffen. Umzäunt und kontrolliert mit einem begnadeten CEO. Es ziehen schwere Zeiten für Google auf – oder zumindest für deren Brot-und-Butter-Geschäft, den Anzeigen. Man darf bereits leise sagen: Google ist etwas aus der Zeit gefallen.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130571 2016-03-22T09:12:00Z 2017-04-22T13:32:04Z Das leidige Thema Online-Werbung

Eine Übersicht und Lösungsansätze, denn keiner hat mehr Bock auf Werbebanner 

Das Internet war immer ein Raum für kostenfreie Inhalte. Ein Selbstbedienungsladen für Texte, Fotos, Videos und Musik. Als vor 20 Jahren die ersten Medienmarken anfingen mit dem weltweiten Netz zu experimentieren, wusste noch keiner, ob sich eine Webseite kommerzialisieren lässt. 10 Jahre später, als die Ambitionen ernster wurden und das Internet keine kleine Gemeinschaft von Nerds mehr war, setzten die meisten Publisher auf Werbebanner. Es blinkte und lärmte auf der ganzen Seite. Pop-ups waren damals ein heißes Thema und ein großes Ärgernis für die Leser.

Das Netz wurde kommerziell. Irgendwie. Jetzt war es ein Selbstbedienungsladen, indem man sich durch Werbeanzeigen durchschlängeln musste und vor lauter Pop-ups gerne mal die Orientierung verlor. Es war eine grausame Zeit für Leser, oder wie man damals gerne sagte: Internetsurfer. Übrigens: Der Erfinder der Pop-up-Werbung heißt Ethan Zuckerman. Das ist 20 Jahre her, aber ihr dürft ihm gerne Dankesbriefe schreiben.

Noch heute sind die Banner überall präsent. Der durchschnittliche Internetnutzer bekommt über 1.700 Werbebanner pro Monat angezeigt. Wer also bereits seit fünf Jahren aktiv Nachrichten im Internet liest, hat wahrscheinlich an die 100.000 Werbeanzeigen angezeigt bekommen — ungefragt. Eine wahnsinnige Zahl.

Doch die reine Masse sagt nichts über die Qualität der Werbung aus beziehungsweise ob die Werbebotschaften beim Nutzer ankommen. Denn Werbebanner haben sich nicht nur als sehr aufdringliche Werbeform herausgestellt, sie sind auch reichlich ineffizient. Eine Faustregel, die bereits seit mehreren Jahren gilt: Wird ein Werbebanner 1000 Mal angezeigt, wird es im Schnitt weniger als einmal angeklickt. In der Fachsprache nennt man dieses Verhältnis „Clickthrough Rate“ (CTR).

Das ist vor allem ein Problem für die Betreiber von Webseiten, da diese von den Anzeigenkunden meistens nur für tatsächliche Klicks auf die Banner bezahlt werden. Man muss also mehr als 10.000 Besucher auf die Seite locken, um zehn Klicks zu generieren. Hinzu kommt die zunehmende Verbreitung von Bots, also vermeintliche Besucher, die auf Werbung klicken und letztlich aber nur computergenerierte Klicks sind. 11 Prozent der Klicks sind durchschnittlich Fake.

Für die Werbetreibenden also ein mühsames Geschäft und für die Leser ein nerviges Übel. Und sogar ein gefährliches: Im April 2013 wurden massenhaft Schadprogramme über Werbebanner in die Geräte der Leser eingeschleust. Dafür musste man noch nicht einmal in die dunklen Ecken des Internets geraten, sondern populäre Nachrichtenseiten waren davon betroffen. Und wer nicht Opfer von Schadsoftware wird, der wird sich zumindest über das permanente Tracking ärgern.

Tracker sind kleine Scripte, die bei jedem Aufruf einer Webseite aktiviert werden. Sie schöpfen Informationen über den Nutzer ab um Profile zu erstellen, personalisierte Werbung anzuzeigen, Nutzerzahlen zu analysieren und auch über Webseiten hinweg den Leser verfolgen zu können. Schon mal bei Amazon nach einer neuen Jacke gesucht und in den folgenden Tagen auf Spiegel Online immer passende Angebote in den Werbebannern vorgesetzt bekommen? Das ist Tracking.

In einer Untersuchung der populärsten Nachrichtenseiten wurde festgestellt, dass im Durchschnitt 30 Tracker aktiv sind. Das heißt, 30 verschiedene Firmen sammeln gleichzeitig Informationen über jeden Besucher.

Wieso lassen wir uns das gefallen? Nun, die meisten lassen es sich nicht gefallen. Die einfachste Lösung sind Werbeblocker. Vorteil: Zumindest einige Tracker werden dadurch geblockt, die Seiten laden schneller (um bis zu 60 Prozent) und man sieht die Werbung natürlich nicht mehr.

Etwa 25 Prozent der Deutschen setzen Adblocker bereits ein. Die Tendenz ist seit Jahren steigend, vor allem auf Mobilgeräten werden die Blocker immer beliebter. Die Nutzer wollen auf den kleinen Displays keine Banner, keinen unnötigen Traffic und längere Ladezeiten.

Diese Entwicklung ist natürlich ein zweischneidiges Schwert: Journalistische Inhalte sind in der Produktion teuer und die Verlage müssen ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Sonst gibt es auch keine hochwertigen Texte mehr. Doch so lange das Geschäftsmodell für Online-Journalismus hauptsächlich auf Anzeigen beruht, bewegen sich die Produzenten und die Konsumenten in Richtung Sackgasse.

Das ist seit Jahren bekannt, aber die großen Verlage tun sich mit alternativen Finanzierungsmodellen schwer. Über Jahrzehnte war anzeigenfinanzierter Journalismus ein sehr lukratives Geschäft. Jetzt mutet es an, als würden die Verlage wie mächtige Dampfer auf hoher See nur quälend langsam den Kurs ändern.

Was also tun? In den letzten Jahren haben sich die unterschiedlichsten Ansätze hervorgetan.

Die brachiale Methode: Adblocker blocken

Leser, die einen Adblocker in ihrem Browser installiert haben, werden aufgefordert diese abzuschalten oder sie werden direkt von der Seite ausgesperrt. Wer populäre Nachrichtenseiten wie die New York Times, Washington Post, Wired oder auch Bild.de mit aktiviertem Adblocker aufruft, dem wird der Zugang verwehrt. Wobei die meisten Adblocker sich darauf bereits eingestellt haben und die Erkennungsmechanismen der Webseiten austricksen können. Es ist ein Katz und Maus-Spiel.

Die vermeintlich einfache Lösung: Paywalls

Die Paywall (oder Bezahlschranke) als Lösung liegt eigentlich auf der Hand. Verlage stellen Inhalte zur Verfügung und müssen damit Geld verdienen. Also muss jeder bezahlen, der Zugriff möchte. Ein transparenter Deal, verständlich für Jedermann. Also easy? Nein, leider nicht.

Das Hauptproblem ist die Isolation der Seite und das schwere Hinzugewinnen von neuen Abonnenten. Der Großteil der Besucher kommt mittlerweile von Facebook und Twitter. Die Leser möchten interessante Artikel mit ihren Freunden teilen. Die meisten der Freunden werden aber kein zahlungspflichtiges Abo haben und somit bleibt der Zugriff auf den Artikel verwehrt. Wer möchte seine Freunde so vor den Kopf stoßen? Auch wird sich kaum jemand für ein Abo entscheiden, wenn er vorher sich nicht selbst von der Qualität und den Themen der Inhalte überzeugen kann.

Zwar gibt es auch hierfür bereits Lösungsansätze, so ist die „löchrige Paywall“ mittlerweile ein beliebtes Modell. Nutzer können eine bestimmte Anzahl von Artikeln pro Monat frei aufrufen und werden erst danach zur Kasse gebeten. Man möchte die Inhalte also nicht ganz unsichtbar werden lassen. Allerdings fällt es den meisten Marken schwer, den Mehrwert vom Bezahlen zu vermitteln. Die wichtigsten Nachrichten findet man im Internet immer kostenfrei, warum also für bestimmte Angebote bezahlen?

Die Zwischenlösung: Native Advertising

Ein Native Ad ist ein werblicher Text (oder Foto, Video, Audio), der optisch in die redaktionellen Texte eingebunden ist und inhaltlich einen für den Leser interessanten Mehrwert liefern sollte. Hört sich kompliziert an? Ist es eigentlich nicht und es ist auch nichts wirklich Neues. Jeder kennt aus der Tageszeitung die Verlagsbeilagen. Zugegeben, ein Begriff, der etwas irreführend ist. Native Werbung ist begrifflich treffender. Letztlich geht es um subtilere Werbung, die weder Optik noch Lesefluss stört.

Die großen Vorteile und auch Gründe, warum Native Ads in den letzten Jahren populär wurden: Sie funktionieren wunderbar auf Mobilgeräten und lassen sich auf jeder Plattform leicht einbinden. Also vor allem auch in Sozialen Netzwerken. Zudem ist die Akzeptanz (wenn sie gut gemacht sind) bei den Lesern wesentlich höher.

Ein positives Beispiel ist dieses Native Ad der New York Times zur neuen Netflix-Serie „Orange is the new Black“. Der Beitrag ist gut sichtbar als „Paid Post“ gekennzeichnet, bietet interessante Inhalte, die ordentlich recherchiert sind und fügt sich wunderbar in die Webseite ein. Der Beitrag kann wie jeder andere Artikel über Social Media geteilt werden (worauf der Werbetreibende natürlich auch spekuliert). All das ist mit Werbebannern nicht möglich.

Native Ads kommen natürlicher daher. Sie scheinen nicht durch Tracker und Analytics getrieben zu sein, sondern sind offensichtlich durch Menschen verfasste Wörter, die einem etwas geben (und einem nicht schaden) wollen. Sie geben den Lesern das, wonach sie eben suchen: tolle Geschichten — Storytelling. Und nebenbei finanzieren sie Redakteure, Reporter, Herausgeber und Fotografen.

Native Advertising hat enormes Potential, wenn damit achtsam umgegangen wird. Wer gesponsorte Inhalte nicht als solche kennzeichnet, verspielt das Vertrauen seiner Leser. Und ohne Vertrauen funktioniert Journalismus nicht. Jeder Leser hat das Recht zu wissen, welches Unternehmen für welche Inhalte bezahlt.

Zusammengefasst (tl;dr) 

Werbebanner sind total letztes Jahrzehnt, nerven und funktionieren im mobilen Internet nicht. Die gerechte Strafe sind Adblocker, die aber zu keiner Lösung führen und wer Adblocker blocken möchte, kämpft den Kampf gegen die Windmühlen. Paywalls sind eine naheliegende Lösung, zerstören aber die Idee von einem offenen und vernetzten Internet und funktionieren auch nicht für jede Marke. Native Ads sind der Hoffnungsträger, der einen Mittelweg vorschlägt: Inhalte mit Mehrwert, die zur Finanzierung von Journalismus beitragen.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130572 2016-02-28T09:13:00Z 2017-02-12T09:48:50Z Quartz zeigt uns die Zukunft vom Online-Publishing

Manchmal ist es ein tolles Gefühl Fan von etwas zu sein. Viele sind Fans von Fußballclubs, Urlaubszielen oder Automarken. Ich übrigens vom SC Freiburg, Kroatien und Volvo. Für Medienmarken ist es wesentlich schwieriger eine Fan-Base aufzubauen. Klar, es gibt die sehr prestigeträchtigen Marken wie die New York Times, der Spiegel oder das Time Magazine. Aber das Verhältnis zum Leser ist in diesen Beispielen meist weniger durch Emotionen (und das macht einen Fan aus), sondern vielmehr durch Vertrauen, Tradition und Qualität geprägt. Ein News-Outlet hat es in den letzten Monaten allerdings geschafft, dass ich Fan geworden bin: Quartz. Ich könnte also etwas eingenommen klingen, aber der News-Nerd in mir freut sich einfach.

Für das digitale Zeitalter gemacht und mit genug Geld versorgt

Wie konnte es das junge Medienunternehmen auf mittlerweile 16 Millionen monatlicher Besucher (September 2016) bringen? Ich glaube vor allem aus diesen zwei Gründen:

  • Das junge Projekt hat von Beginn an auf die Möglichkeiten und die Anforderungen des digitalen Journalismus gesetzt. Keine alten Zöpfe, die erst gekappt werden müssen oder Generationenkonflikte zwischen On- und Offline. Quartz hat auf den wachsenden Markt der mobilen Internetnutzung gesetzt und ist 2012 mit einer mobile-first Website gestartet. Quartz hat all das einfach mal umgesetzt, über das die Szene seit Jahren sinniert. In der Selbstbeschreibung wird das ganz treffend beschrieben: „Like Wired in the 1990s and The Economist in the 1840s, Quartz embodies the era in which it is being created.“
  • Man hat ordentlich Geld in die Hand genommen und konnte durch das Mutterunternehmen Atlantic Media Mitarbeiter von Bloomberg, Wall Street Journal und der New York Times gewinnen. Ein schnelles Wachstum war auch durch regionalisierte Ausgaben möglich. So startete Quartz mit Indien (2014) und Afrika (2015) erste Ableger, weitere sollen folgen.

Mein zweites Argument trifft auch auf andere junge Medienunternehmen wie Gawker Media, Vox Media oder erfolgreiche neue Publikationen wie Buzzfeed und Business Insider. Jeder hat davon Innovationen hervorgebracht. Quartz hat nun aber eine sehr interessante Neuentwicklung vorgestellt: eine News-App fürs iPhone.

Eine News-API für verschiedene Medien

Man hat sich viel Zeit mit der ersten App gelassen. Etwas ungewöhnlich für ein modernes Publishing-Unternehmen. Das liegt aber vor allem an dem Selbstverständnis von Quartz und dem Chefredakteur Zachary Seward. Er beschreibt Quartz als eine API. Ich bin großer Fan dieser Sichtweise. Entscheidend sind die Inhalte, die von fähigen Redakteuren „eingespeist“ werden. Inhalte sind das zentrale Produkt und können dann über verschiedene Kanäle verwertet werden. 

Before we built qz.com, we built the Quartz API. (On day one, someone had already started playing with it.) Today the API’s primary customer remains qz.com, but it could go in all sorts of directions. Our philosophy has always been to put as little friction as possible between us and our readers, and our API is an advantage in living up to that ideal.

Die Website ist dabei eine Art Stream der API. Hier bekommt man eine Übersicht aktueller Artikel. Bewusst gibt es aber keine prominente Kategorisierung oder Gewichtung der Inhalte. Dafür sind anddere und eigenständige Produkte zuständig. Zum Beispiel der tägliche Newsletter „Daily Brief“. Dieser beschränkt sich auf wenige Themen und Links und bietet für die Mehrzahl der Leser eine ausreichende Filterung für die wesentlichen News. Dabei agiert der Newsletter recht eigenständig von der Website. Andere News-Outlets werden verlinkt und angeteasert, man versucht nicht mit allen Mitteln die Leser auf Qz.com zu schicken:

We’ve all met people who, when you say you work for Quartz, start gushing, “Oh, I loooooove the email.” And then you keep talking and start to realize that they don’t even know that Quartz is a website, too, or at least don’t visit it much.

Die API ermöglicht der Redaktion die Inhalte dorthin zu bringen, wo die Leser auch sind. Das zeigt der erfolgreiche „Daily Brief“ und das soll nun auch die neue App bewerkstelligen.

Die App setzt auf einen Messenger-Stil und Notifications

Warum hat man sich also so lange Zeit für die App gelassen? Laut Eigenbeschreibung zielt Quartz doch vor allem auf Mobile und Tablets? Quartz hat aus zwei Gründen gezögert:

  1. Man wollte keine zusätzliche Barriere zwischen Leser und Inhalten haben (App Stores, verschiedene OS, Sharing)
  2. Man suchte nach der richtigen Idee. Eine simple Abbildung der Website in einer App schien keine sinnvolle Lösung.

So sagte Zachary Seward vor fast vier Jahren gegenüber AllThingsD: „It seems very clear that the Web is far more suited for sharing of news and articles, and we want everybody to access our stuff…“. Heute hört sich das bei Herausgeber Jay Lauf so an: 

One of the things that changes the landscape with apps is notifications. Notifications are an increasingly popular mechanism for staying abreast of news and information and staying connected with brands. Apps certainly give you the opportunity for that. This app also allows us to experiment with different content types, and ways of executing our journalism that are more native to an app environment than they are to a web environment.

Die App ist wirklich experimentell und hat vor allem eine Funktionsweise, die sich im Web so nicht umsetzen lassen würde. Sie kommuniziert mit dem Leser. Zwar sehr eingeschränkt, man bekommt immer zwei Optionen als Antwort, also ähnlich wie bei einem Point-and-Click-Adventure (oder auch „Pseudodialog“). Sewards beschreibt das Interface im Kern so: "somewhere between a 'choose your own adventure' interface, and a chat with a friend, and a serious news briefing“. 

Außer dem für eine News-App ungewöhnlichen Interface, fallen mir einige weitere Sachen auf:

  • Die Menge der Nachrichten ist beschränkt. Meist gibt es in etwa 4-5 Meldungen, danach ist man durch. Sehr angenehm, man bekommt das Gefühl alles erledigt zu haben und über das Wichtigste informiert zu sein. Perfekt zum Überbrücken von kurzen Wartezeiten.
  • Durch das aktive Entscheiden des Lesers, ob er an einer Nachricht interessiert ist, gewinnt Quartz sicherlich wichtige Daten über die Interessen der Leser.
  • Die Quartz-Macher zeigen wieder, dass sie eine internetaffine Leserschaft ansprechen. Man greift nerdige Trends wie Emoticons, GIF-Animationen und ein stark an iMessage orientiertes Layout auf.

Die App hat Potenzial. Ich genieße die Berechenbarkeit des Layouts: Die Werbung ist simpel eingebettet, es gibt keine Überraschungen, die die Bedienung stören würden. Eventuell wird das Frage-Antwort-Spiel mit der Zeit langweilig, aber Quartz hat einmal mehr gezeigt, dass man nicht den gewohnten Denkmustern folgt, sondern News über neue Kanäle verbreiten möchte. Und damit eben auch wirklich die technischen Möglichkeiten ausnutzt und die neuen Verhaltensmuster der Leser beachtet. 

Das Internet ging auf die neue App jedenfalls Steil und es gibt einige hochwertige Leseempfehlungen dazu. Check it out:

  • NiemanLab: With an interface that looks like a chat platform, Quartz wants to text you the news in its new app
  • Zeit.de: Im Chat mit dem Weltgeschehen
  • Vocer: Meinungen zur neuen Quartz-App
  • Meshedsociety.com: Quartz’s New App Has Come Half Way in Reinventing News
  • Medium.com (Johannes Klingebiel): What is Conversational Journalism?
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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130591 2016-02-26T09:48:00Z 2017-02-12T09:48:31Z Die Nische für ultralange Texte

Wenn du ein durchschnittlicher Leser bist, dann habe ich für diesen Artikel ganze 15 Sekunden deiner Aufmerksamkeit. Das reicht in der Regel für etwa 28 Prozent des Textes. Ein Trend, der sich mit zunehmender mobiler Nutzung noch weiter verschärft. Journalismus wird immer mehr zum Häppchen, das zwischen zwei Bahnhaltestellen oder in der Zigarettenpause konsumiert wird. 

Angebote wie Buzzfeed, NYT Now, Vine oder Twitter haben sich auf dieses Nutzungsverhalten eingestellt. Häppchen, Listen und Kurzvideos. 

Aber überall wo sich ein Trend entwickelt, entsteht auch eine Nische. Eine kleine Gegenbewegung. In den letzten Jahren hat sich dafür der Begriff Long-form Journalism etabliert. Texte, die mehrere Tausend Wörter umfassen und so gar nicht für den Zwischendurchkonsum gemacht sind. Länger als ein Magazin-Artikel und kürzer als ein Buch. Urvater dieses vermeintlich neuen Genres ist der Snowfall-Artikel der New York Times von 2012.

Ein echtes Nischenprodukt, das nach gängiger Ansicht der Branche eigentlich kaum Erfolgschancen haben sollte, ist Wait But Why. Der Longform-Blog hat in etwa so viele Fans auf Facebook wie die FAZ. Ein zweiteiliger Artikel über künstliche Intelligenz wurde 60.000 Mal geteilt. Ein anderer Artikel über die Eigenheiten der Generation Y kommt auf über eine halbe Millionen Shares. Auf Wait But Why erscheint etwa ein Artikel im Monat. Das ganze wird von einem Autor (und seinem Kumpel, der sich um das Organisatorische kümmert) gestemmt. 30 bis 40 Stunden Arbeit für einen einzigen Artikel sind dabei keine Seltenheit, so der Autor in einem lesenswerten Portrait auf FastCompany

Es scheint, als würde dort das Paradies für Journalisten herrschen. Und all das, ohne Millioneninvestition, in anderthalb Jahren aufgebaut. Mittlerweile zählt man stolze 1,6 Millionen Unique Users im Monat.

Ich glaube als Journalist kann man sehr happy sein, dass solche Projekte funktionieren. Ich höre es immer wieder von vielen Bekannten, die sich über die Oberflächlichkeit von Artikeln auf SpOn oder SZ.de beklagen. Gerade wenn das Thema interessant wird, ist der Beitrag bereits wieder zu Ende.

Brauchen wir mehr Mut für ultralange Texte?

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130590 2015-05-15T08:47:00Z 2017-02-12T09:47:38Z Facebook Instant Articles

Irgendwie drehen gerade alle am Rad wegen Facebooks Instant Articles

Ab diesen Mittwoch wird Facebook in seiner iPhone-App vollständige Artikel von BILD.de, Spiegel Online, New York Times, The Atlantic und anderen über die App veröffentlichen. Facebook wird in gewisser Weise zum Verleger. Und die Verlage schaffen sich womöglich selbst ab.

Zuerst ist das nur eine technische Änderung. Facebook ist bereits jetzt ein konstanter Traffic-Lieferant für etablierte Nachrichtenseiten. Etwa 15 Prozent der Besucher werden über Facebook angelockt. Aber eben nur angelockt. Letztlich führt sie ein Link auf die Website des Nachrichtenmediums. Das soll sich mit Instant Articles nun ändern. Die Inhalte können direkt auf der Plattform des Sozialen Netzwerks konsumiert werden.

Wer den Aufschrei um diese Neuerung verstehen möchte, muss die Hassliebe zwischen Verlagen und Facebook (und Google erst recht) kennen. Außerdem gibt es drei sehr unterschiedliche Sichtweisen: Verlage, Facebook und die Leser.

Facebook will an die Inhalte der Verlage. Die Verlage wollen an die Nutzer auf Facebook (immerhin 1,4 Milliarden). Und der Leser, der möchte möglichst unkompliziert und angenehm Inhalte konsumieren. Wir haben ja alle keine Zeit und Klicks sind so anstrengend…

Die wesentlichen finanziellen Faktoren dabei sind Werbung und Nutzerdaten. Bei der Werbung kommt Facebook den Verlagen entgegen, indem es ihnen erlaubt, die Anzeigen selbst zu schalten und 100 Prozent der Einnahmen zu bekommen. Bei den Nutzerdaten dürfte das Interesse von Seite der Verlage sowieso eher gering sein. Zumindest bisher wussten die großen Verlagshäuser nicht so recht, was sie mit den Daten Produktives anstellen können. Von finanzieller Seite ist der Deal also wirklich für alle attraktiv.

Es ist nicht der finanzielle Aspekt, der Journalisten bei dem Deal beschäftigt. Es geht um Kontrolle und einer langfristigen Strategie. Sollen die Verlage dahin gehen, wo die meisten Leser sind, oder können sie die Leser nicht im eigenen Heim viel besser bedienen? 

Bei Facebook hingegen geht es um soziale Kontakte. Inhalte werden durch die Augen von Freunden gesehen. Sie werden sozial gefiltert. Der journalistische Ansatz sieht ganz anders aus. Hier versuchen Vermittler (Journalisten und Redaktionen) ein möglichst unverfälschtes Bild von der Realität zu übermitteln. Im besten Fall bleibt der Journalist bei dem Prozess als objektiver Part unsichtbar. Genau das Gegenteil versucht Facebook: Über Freunde sollen die richtigen Inhalte für uns selbst ausgesucht und bewertet werden.

Während Facebook seinen Nutzern also einen Klick ersparen möchte und die Ladezeiten im Zehntelsekunden-Bereich optimiert (die Ladezeiten sind wirklich ein dämliches Argument von Facebook), geht es bei den Verlagen um Alles. Wird es in 10 Jahren noch eine Rolle spielen, ob ein Artikel aus der SZ oder dem Spiegel ist? Den Leser interessiert es bereits heute nicht mehr. Es sei denn er ist Journalismusstudent. Der Verlag als Institution ist bedroht, weil er zunehmend an Präsenz und sichtbarer Relevanz verliert. Das ist per se nichts schlechtes. Aber dieser Entwicklung muss man sich stellen.

Und die verlockende Zukunft im Hotel California (Facebook) ist ein gefährlicher Weg. Denn, wie wir von dem Eagles-Song gelernt haben:

„We are programmed to receive.

You can check-out any time you like,

But you can never leave!“ 

2. Lesenswertes

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130589 2015-04-30T08:46:00Z 2017-02-12T09:46:34Z Think negative – 90 Prozent der Startups scheitern

Erfolgsgeschichten sind inspirierend. Wir verfolgen sie gerne, in der Hoffnung etwas für unsere eigenen Vorhaben zu lernen. Aber lassen sich Erfolge nachahmen? Gibt es so etwas wie eine Erfolgswelle, ein Geheimrezept? Nein. Wir sollten uns auch der dunklen Seite zuwenden, den Misserfolgen, dem Scheitern. Lasst mich erklären warum.

Scheitern ist normal – es wirft dich zurück und bringt dich dennoch voran

Ein kluger Mensch betrachtet immer beide Seiten. Es ist das alte Prinzip von Yin und Yang. Erfolg und Misserfolg können nur zusammen existieren und beides muss verstanden werden. 

Wer einen Ikea-Schrank schnell abbauen möchte, sollte schauen wie er zusammengebaut wurde. Augen auf beim Hinweg, dann findest du auch wieder nach Hause. Um einen Menschen wirklich einschätzen zu können, musst du seine Stärken und Schwächen kennen. Wie verhält er sich beim Erfolg und – noch wichtiger – wie bei einer Niederlage?

Rede über die Niederlage

Geschichten des Misserfolgs sind kostbarer. Nicht nur weil wir mehr dabei lernen, sondern auch weil sie rar sind. Wir erzählen gerne von Erfolgen und verheimlichen Niederlagen. Das ist im ersten Moment auch gut so. Wir fühlen uns dabei wohler und unser Gegenüber meist auch. Stellt euch vor, ihr seid im Smalltalk mit einer neuen Bekanntschaft und er oder sie beginnt das Gespräch mit der Geschichte einer niederschmetternden Niederlage. Wir hören andere nicht gerne Jammern.

Es wäre gegen den Verhaltenskodex, auch wenn wir wissen, dass diese Geschichten überall existieren. Aber weil Niederlagen so kostbar sind, müssen wir uns verdienen, sie zu hören. Wir müssen ein Vertrauensverhältnis zu anderen Menschen aufbauen, bis sie sich öffnen und ihre verwundbare Seite zeigen. Sie sind ihr kostbarstes Gut.

Einsicht hilft im Umgang mit dem Big Fail

Frage einen Gründer, wie es bei ihm so läuft und er wird dir etwas Positives antworten. Scheitern ist ein isolierter und einsamer Prozess. „Fail fast, fail early, fail often!“ ist nur ein Spruch. Gründer klammern sich an ihr Projekt, so wie eine Mutter an ihr Kind. 

„Wir sind in der Pre-Revenue-Phase“ ist eine häufige 

Floskel der 90-Prozent-Fraktion. Es gleicht einem schwarzen Ozean und man weiß nicht einmal in welche Richtung man schwimmen soll.

In diese Situation gerät jeder Mensch – und zwar mehrmals. Scheitern muss gelernt sein und lernen kann man nur, wenn man sich etwas von anderen abschaut. 

Dabei ist die Möglichkeit zu scheitern etwas zutiefst Menschliches. Jeder Mensch scheitert, trifft falsche Entscheidungen. Auch im Business. Halten wir uns lieber an das klassischste aller Minus-Mantras: 

Murphy’s Laws

  1. Alles, was schief gehen kann, geht auch schief. 
  2. Auch was nicht schief gehen kann, geht irgendwann schief. 
  3. Auch wenn etwas, das eigentlich schief gehen sollte, nachher doch nicht schief gegangen ist, wird man feststellen, es wäre besser gewesen, wenn es schief gegangen wäre. 

Feiere deine Niederlage (ja, feiern)

Menschen wollen andere scheitern sehen. Es ist eine kranke Welt. Das ist ein wesentlicher Teil des Konzepts vieler Reality-TV-Shows. Wenn ihr bequem von zuhause jemandem beim Auswandern verfolgt, wollt ihr ihn scheitern sehen. Der Nachbar gründet ein Unternehmen? In drei Monaten fragt ihr wie es läuft – und insgeheim wollt ihr, dass er mit gesenktem Blick murmelt: „Alles braucht seine Zeit“. Uli Hoeneß oder Christian Wullf wurden mit Genuss und Häme öffentlich zerpflückt. Es ist ein Mix aus Schadenfreude, Besserwissertum und Sadismus. 

Der beste Umgang mit dem Scheitern ist ein offensiver. Mache die Niederlage zum Erfolg. Feiere eine Fucking-Up-Night und nutze die Aufmerksamkeit im Moment der Niederlage. Wir können alle nur davon lernen. Und sympathisch ist ein guter Verlierer allenfalls.

Wer wagt gewinnt. Und verliert. Immer. 

Inspiration im Failen

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130588 2015-04-26T08:45:00Z 2017-02-12T09:45:39Z Das Ende von Gigaom

In 100 Wörtern wurde vor drei Wochen das Ende von Gigaom verkündet. Fast zehn Jahre nachdem der Blogger Om Malik sich in einem Starbucks in San Francisco entschloss, sein Hobby zum Beruf zu machen. Er kündigte seinen sicheren Jobs bei Forbes und startete Gigaom

Fast zehn Jahre bestand der Techblog und erreichte über sechs Millionen Leser. Letztlich bestand die Begründung für das Ende aus nur einem Satz: „Gigaom recently became unable to pay its creditors in full at this time.“ That’s it, Feierabend. 

Es war ein Schock für die Branche, galt Gigaom doch als Pionier für Größen wie Recode oder TheVerge. Überraschend war es auch für die 68 Angestellten, die bei ihrer Kündigung noch mitten in der Arbeit an Artikeln steckten. Etwa 1000 Tickets, die für ein geplantes Gigaom-Event vorverkauft wurden, wurden nicht zurückerstattet. 

Gigaom zeichnete sich durch seine ungewöhnlich ausführliche Tech-Berichterstattung aus und verschmähte dabei die üblichen Clickbaits. Man könnte sagen: noch echte Alte Schule. Aber in Zeiten von Buzzfeed und Vice wirken sechs Millionen Unique Visitors bei fast 70 Angestellten nicht sonderlich attraktiv auf Geldgeber. 

Dabei ist der Niedergang von Gigaom nicht im redaktionellen Bereich zu suchen, es war vielmehr das Geschäftsmodell das nicht funktionierte. Über mehrere Finanzierungsrunden hat die Seite in der Vergangenheit über 30 Millionen US-Dollar von Investoren eingesammelt – konnte letztlich aber nicht das Versprochene liefern.

Die Investoren hatten es vor allem auf den Rechercheservice abgesehen. Ein Angebot für Pro-Abonnenten, die exklusive Rechercheaufträge an die Redaktion vergeben konnten (in der letzten Ausgabe habe ich einen ähnlichen Service von Politico beschrieben). Dazu kamen natürlich Einnahmen aus Anzeigen und auch diverse Events wurden unter der Marke veranstaltet. Der Rechercheservice machte dabei über die Hälfte des Umsatzes aus. Letztlich stellte sich dieser aber als sehr zeitintensiv für die Redaktion heraus und Geld floss immer erst bei Abschluss der Arbeiten – die durchaus mehrere Monate dauern konnten. Die Investoren und Gläubiger wurden ungeduldig. Das war das Ende.

Links zum Niedergang von Gigaom:

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130587 2015-04-20T08:44:00Z 2017-02-12T09:44:32Z Europäischer Ableger von Politico startet

Als ich vor zwei Jahren in Washington war, staunte ich nicht schlecht, als ich eine Politico-Ausgabe am Empfang von meinem Hostel entdeckte. Ich staunte, weil die Ausgabe gratis war. Quasi ein Anzeigenblättchen, deren renommierter Ruf allerdings bis nach Europa bekannt ist. Der Inhalt: Recht schwere politische Kost aus dem Herzen des Machtzentrums Amerikas. Ziemlich bissig geschrieben. Ein Anzeigenblättchen über den mühsamen politischen Alltag? Wie kann das funktionieren?

Am Dienstag startet politico.eu (eine Landing Page existiert bereits). Dabei handelt es sich um den europäischen Ableger in Brüssel der bemerkenswert erfolgreichen Mutterausgabe aus Washington D.C. Der derzeit extrem investitionsfreudige Springer-Verlag ist mit 50 Prozent dabei und soll als Eintrittstor in den europäischen Markt dienen.

Politico wurde 2007 gegründet und die Printausgabe hat eine Auflage von 30-40.000 in D.C. und Manhattan. Mittlerweile beschäftigt die Publikation knapp 250 Journalisten. Das Zugpferd bei der Reichweite ist aber die Website, die monatlich zwischen vier und fünf Millionen Leser erreicht. Die Einnahmen kommen nach eigenen Angaben zur Hälfte aus dem Printgeschäft und zur Hälfte von der Website. Mittlerweile finanziert sich Politico auch durch Events in Washington (Wahlkampfveranstaltungen für Republikaner und Demokraten) und dem speziellen Pro-Service. 

Politico Pro ist eine Art Nachrichtendienst für Politiker und Lobbyisten. Die Abonnenten können eine Themenauswahl treffen und bekommen ein regelmäßiges Briefing. Das lässt sich Politico mit einigen Tausend Dollar im Jahr bezahlen. Ein interessantes Modell, denn Lobbyisten gibt es in Brüssel zu genüge (genau genommen liegt Brüssel auf dem zweiten Platz hinter D.C. in der Statistik). 

Letztlich finanziert sich Politico also über drei Säulen: Anzeigen (50%), Pro-Abonnement (40%) und Events (8%). Sollte diese Modell auch in Europa funktionieren kann Politico einen wesentlich größeren Markt erreichen. Die EU hat 66 Prozent mehr Einwohner als die USA. Zumindest in der Theorie also ein interessanter Markt. Letztlich aber schwer zu beurteilen, da Politico eine sehr spezielle Leserschaft anspricht: Stark vernetzt, finanzstark und international. 

Schafft es Politico mit Hilfe von Springer, der sicherlich den Eintritt in den europäischen Markt ebnen wird, seine hohe Anzahl an Pro-Abonnenten auch hier zu erreichen, haben wir bald eine sehr solide finanzierte und echt europäische Publikation aus Brüssel.

Politico.eu startet mit einem Team aus 30 Journalisten, die auf Englisch berichten werden. Mit der Finanzierung aus dem Springer-Deal von zehn Millionen Dollar möchte man sich bald auf 60-70 Reporter erweitern. Auch eine deutsche Ausgabe ist wohl geplant.

Bissiger Polit-Journalismus kommt nach Brüssel. Ich bin gespannt. Übrigens: Politico hat seine Wurzeln auch in einem Newsletter vom Mitgründer Jim VandeHei. Lang lebe der Newsletter als Keimzelle - und wenn dir dieser gefallen hat, dann empfehle ihn doch weiter!

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130586 2014-07-07T08:42:00Z 2017-02-12T09:43:16Z NSA-Skandal - Eine Anleitung für die Bundesregierung

Vorwort

Liebe Bundesregierung,

es ist vermessen eine Anleitung für die Regierung zu schreiben. Ich habe weder die Kenntnisse, noch die Einsichten in die Situation, die Verwicklungen und die Möglichkeiten. Aber ich habe den Politikern offensichtlich eines voraus: Ich kann ganz ungezwungen darüber lamentieren. Ohne diplomatische Hindernisse oder innenpolitische Querelen. Und ich habe – mit Verlaub – eine wesentliche Erkenntnis erlangt, die der Regierung fehlt: Es geht hier nicht um einen Spionage-Skandal, es geht um Überwachung. Und wer überwacht wird, ist nicht frei. Das sagte Glenn Greenwald bereits und damit ist alles zur Begründung der Problematik gesagt. Die Grundfesten der Demokratie sind in Gefahr. Grund genug zum Weiterlesen?

1. Die Situation erkennen

Das Handy der Kanzlerin wird abgehört und selbst der NSA-Untersuchungsausschuss scheint unterwandert zu werden. Der enge Freund USA spioniert ungehemmt auf deutschem Boden. Das ist... keine Überraschung. Es wird spioniert, es wurde spioniert und es wird es immer werden. Auch zwischen "befreundeten" Nationen. Die gibt es übrigens gar nicht und gab es nie. Es gibt höchsten temporäre Partnerschaften, gemeinsame Ziele und Interessen. Es sind auch die Interessen, die jetzt die Freundschaft noch am Leben erhalten. Es sind keine Freundschaften, wer soll auch befreundet sein? Eine Gesellschaft mit einer Gesellschaft? Eine (zeitlich begrenzte) Regierung? Ergibt wenig Sinn. 

Spionage ist also nicht überraschend und auch der Schaden ist eher symbolischer Natur. Der eine spioniert den anderen und andersrum. Letztlich also ein ausgeglichenes Spiel mit James-Bond-Romantik. Der 31-Jährige Doppelagent soll 218 Dokumente innerhalb von zwei Jahren weitergegeben haben(1). Das ist lächerlich. Zumindest im Vergleich mit dieser Zahl: 25 000 000 000 000 000 Byte(2). Das ist die Speichermenge, die die NSA täglich an Informationen sammelt. 

Und das finde ich jetzt überraschend. Ein Umstand, der in der Regierung zu wenig Reaktionen führt. Mal beendet man die "Affäre" plötzlich, mal ist man enttäuscht, mal schockiert. Dabei verkennt man die eigentliche Problematik: Das Problem ist nicht die NSA oder der BND. Auch nicht die USA oder Großbritannien. Das Problem ist eine technologische und gesellschaftliche Entwicklung! Wir produzieren in unserem Alltag immer mehr digitale Informationen. Digitale Angebote wie Shops, Soziale Netzwerke, Versicherungen. Hardware wie Smartphones, Autos, Laptops und viele Geräte, die bald Einzug in unseren Haushalt finden werden. All diese Informationen werden gesammelt. Von Regierungen und von der Wirtschaft. Sie werden ausgewertet, benutzt und oftmals weitergegeben. Wir können das nicht verhindern, es ist der Lauf der Dinge. So wie man den Energieverbrauch, die Umweltverschmutzung oder die Erfindung der Dampfmaschine nicht rückgängig machen kann. Das ist die Problematik, der sich die Politik stellen muss. Also hört bitte auf über Whistleblower, Spione oder Geheimdienste zu debattieren. Sie sind nur eine Folge der neuen Möglichkeiten.

Es gibt große Parallelen zum Umweltschutz. Vielleicht können wir aus diesen lernen. Eine Thematik, die lange nur von "Spinnern" und "Radikalen" ernstgenommen wurde. Der Politik war es viele Jahre lästig, es war ein großes Thema ohne einfache Lösungen. Es benötigte schaurige Bilder (Abholzung des Regenwaldes) und furchtbare Katastrophen (Fukushima) damit die Thematik unumgänglich für die Politik wurde. Liebe Regierung, müssen wir beim Thema Überwachung wieder so lange warten?

Der Fünf-Punkte-Aktionsplan

  1. Edward Snowden Asyl gewähren. Um eine Entwicklung in die richtigen Bahnen zu lenken und die richtigen Konsequenzen zu ziehen, benötigt es zuerst Verständnis. Snowden ist derzeit wohl der Mann mit dem meisten (zugänglichen) Wissen über den Status Quo der Überwachung. Welche Möglichkeiten gibt es, was ist Fantasie und was Realität? Wie weit sind wir in der Entwicklung? All das muss man herausfinden und dafür brauchen wir Snowden. Ja, die USA mögen das nicht. Aber wie ich bereits bemerkte, es geht hier nicht um die USA oder die NSA. Es geht um eine gesellschaftliche Entwicklung. Meine Empfehlung für die diplomatische Problematik: Eine unabhängige (womöglich internationale) Kommission von Experten, die Snowden befragt. Snowden ist kein Spion, der empfindliche Interna der USA ausplaudern soll, sondern ein Experte. Er selbst hat mehrmals gesagt, dass er der USA nicht schaden will. Es geht hier um Aufklärung im internationalen humanitären Sinne.
  2. Wir brauchen geschützte Räume. Da die USA nicht gewillt ist ein bilaterales oder multilaterales (No-Spy-)Abkommen zu unterzeichnen, müssen wir eigene Alternativen entwickeln. Jedem sollte es freistehen Google oder Bing für seine Suchanfragen zu nutzen. Aber jedem sollte auch eine geschützte Alternative angeboten werden. Und nein, die sollte nicht von der Regierung entwickelt werden. Die Bundesregierung hat letztlich die selben Interessen wie jede Regierung auf der Welt. Und Unternehmen am Markt sind eben Unternehmen. Es braucht neue Strukturen. Mir schweben Non-Profit-Organisationen oder ein öffentlich-rechtliches Modell für digitale Werkzeuge vor. Diese könnten nicht nur Services entwickeln, sondern auch Zertifikate verteilen. Auch hier können wir vom Umweltschutz lernen.
  3. Gesetze! Ja, das ist ein schwieriger Punkt. Eine rechtliche Absicherung ist keine Garantie. Aber das gilt für jedes Gesetz. Eigentlich ist es verboten ein Auto zu klauen, aber es passiert. Privates Eigentum sollte Eigentum bleiben. Aber auch dagegen haben schon Regierungen in der Geschichte Deutschlands verstoßen. Und dennoch: Gesetze sind die Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft zu einer funktionierenden Gesellschaft machen. Den Datenschutz hier außen vor zu lassen, wäre ein immenser Fehler.
  4. Setzt das Thema auf die internationale Agenda. Wir werden nicht müde anderen Nationen die Demokratie zu erklären. Teil dieser Demokratie ist es die Privatsphäre zu achten und geschützte Lebensräume zu garantieren. Das mag nicht neu sein, aber es hat in den letzten Jahren eine neue Dimension, eine neue Priorität bekommen. Werdet dem gerecht! G8, UN, bilateral und unilateral. In Afrika, China und den USA. Überall. Wieder der Vergleich zum Umweltschutz: es ist eine Entwicklung, die nicht an Ländergrenzen stoppt. Und das Internet sowieso auch nicht.
  5. Hört auf die Bevölkerung und unsere Bedürfnisse. Ihr werdet sonst schon bald eure Macht und Legitimation verlieren. Hört auf mit diplomatischen Spielen auf Kosten der Bürger. Oder wie Oliver Kahn es sagen würde: Eier, wir brauchen Eier!

(1) tagesschau.de

(2) nsa.gov

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130585 2014-04-07T08:41:00Z 2017-02-12T09:42:53Z Die Email lebt

Mein Großvater kannte keine Emails. Mein Vater kann sie nicht leiden. Ich liebe sie und wenn ich mal Kinder haben werde – sie werden sie ziemlich oldschool finden. Meine Generation ist eine Generation der Mails, wir haben Gigabyte-Große Postfächer und meist gleich ein Dutzend verschiedener Adresse. Wir rufen sie unterwegs, am Laptop, im Browser und mit dem Mail-Programm ab. Doch die E-Mail gerät immer mehr in den Verruf: Sie soll ein Produktivitätstöter (der sogar dumm machen) sein und sowieso bald von Instant Messenger und Sozialen Netzwerken abgelöst werden. 

Das Internet ist dementsprechend voll von Tipps, wie man seine Inbox aufräumt oder am Besten gleich Mails abschafft. Die Zukunft der Kommunikation soll – so tönt es aus vielen Ecken – in wenigen Zeichen (fünf Sätze zum Beispiel) und in Echtzeit stattfinden. Ich bin dagegen! Warum? Bitte weiterlesen! 

1. Entschleunigung

Auch wenn wir mittlerweile Mails auf das Smartphone gepusht bekommen und oft innerhalb weniger Minuten nach dem Versenden Kenntnis davon nehmen. Eine Antwort braucht Zeit. Eine IM-Nachricht ist direkte Kommunikation, praktisch ein Gespräch. Eine Mail ist eine Korrespondenz, praktisch ein Dokument und nicht bloß ein zugerufener Satz. Der Empfänger legt das Dokument ab, archiviert es, denkt darüber nach. Er nimmt sich Zeit beim Antworten, legt (im besten Falle) Wert auf Formalitäten. Im Gegensatz zu Direktnachrichten oder Facebook-Messages gehört zu einer Mail immer noch eine Anrede, eine Abschlussfloskel und oft auch eine Signatur mit Kontaktinformationen. Für mich sind solche Formalitäten auch ein Zeichen der Mühe und des Respekt vom Absender. So konservativ darf man ja noch sein.

2. Die Lüge der Produktivität

Emails machen unproduktiv. Diese Aussage erinnert mich an die Waffen-Debatte in den USA. Es sind letztlich nicht die Mails, die unproduktiv machen, genauso wenig wie Waffen töten. Es liegt am Akteur, der das Werkzeug benutzt. Zugegeben, ein drastischer Vergleich. Aber die Kausalität sollte man hinterfragen. Ein Werkzeug ist immer auswechselbar, es gibt eine Alternative mit der man den selben Effekt erzielt. Will sagen: Stöpsel ich mein Mail-Konto ab, klingelt dafür das Telefon oder der Briefkasten wird voller.

3. Kompatibilität

1971 hat Ray Tomlinson die erste Mail versendet. Seitdem konnte sie sich als Standard der digitalen Kommunikation und Alternative zum Postverkehr durchsetzen. Es gibt tausende Programme zum Abrufen und Versenden. Tausende Anbieter und Milliarden von Adressen. Jeder hat die Möglichkeit seinen eigenen Mail-Server aufzusetzen und sich in das Netz der Mails einzuklicken. Es gibt kein Patent oder Monopol die Mail-Protokolle, es ist kein geschlossenes Netzwerk. Mails können mit Anhängen, verschlüsselt, formatiert zwischen allen Betriebssystemen ausgetauscht werden. Sie können synchronisiert, archiviert, gedruckt und was weiß ich noch werden.

4. Marketing

Social Media ist das Ding, wenn man sich die Marketing-Branche anschaut. Die gute alte Mail ist aber immer noch weit effektiver, wenn es ums darum geht neue Kunden anzuwerben. Nur eine Zahl dazu: Kundenanwerbung per Mail hat sich in den letzten vier Jahren vervierfacht. Klar, Pinterest und Instragram sind sexier, aber nicht effektiver.

Die Mail ist noch lange nicht gestorben und das ist auch gut so. Übrigens, alleine im Jahr 2010 wurden 107 Billionen Mails verschickt. Ein Zuwachs von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wo wir allerdings auch bei den Problemen der guten alten Mail sind: Spam und Spam. Aber so ist das eben bei einem offenen System, das von über drei Milliarden Accounts aus benutzt wird.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130584 2014-02-28T09:40:00Z 2017-02-12T09:40:42Z WhatsApp - Der Nutzer ist ein armer Wurm

Ich liege bereits im Bett, als ich vom 19 Milliarden Dollar-Deal erfahre. WhatsApp hat einen prominenten Platz auf meinem Smartphone, ich rufe den Messenger dutzende Male am Tag auf. Eine innige Beziehung, die mich nur 99 Cent gekostet hat. Ein lächerlicher Preis, bei dem man sich als Kunde nicht zu wichtig nehmen sollte. Meine Nutzerdaten werden im fernen Silicon Valley wie im Quartett hin- und hergeschoben. Ich bin die Ware und fühle mich wie ein kleiner Wurm. Das Einschlafen fällt mir schwer.

Am nächsten Morgen bimmelt mein Handy - WhatsApp. Ich merke, dass die Beziehung zu der kleinen App belastet ist, mein Gewissen drückt. Dabei ist die Übernahme durch Facebook nicht schlecht für uns Nutzer. Facebook ist ein großes Unternehmen, es ist dem europäischen Datenschutz verpflichtet und wird von den Medien auf Schritt und Tritt argwöhnisch beäugt.

WhatsApp hingegen, mit seinen 50 Mitarbeitern und fast einer halben Milliarde Nutzern, war ein Himmelfahrtskommando. Ein kleines Unternehmen, das sowohl mit Öffentlichkeitsarbeit als auch mit den Sicherheitsaspekten seiner Software überfordert war. Nicht einmal den Firmennamen auf dem Klingelschild soll es gehabt haben. Und es wächst so rasant, dass in Kürze wohl jeder zehnte Erdbewohner den Dienst nutzen wird.

Mir kommt Albert Einstein in den Sinn. Er soll einmal über die Entstehung Schwarzer Löcher gesagt haben, dass Gott durch Null dividiert hat und die Gesetze der Physik außer Kraft setzte. 19 Milliarden Dollar - hier sind es die Regeln der Ökonomie, die durch das Erdbeben namens Digitalisierung einfach ignoriert werden. Die Spieler, quasi die Meister des Nutzerdaten-Quartetts, sind kalifornische Jungunternehmer. Bei mit Schokolade übergossenen Erdbeeren sollen Marc Zuckerberg und der WhatsApp-Mitgründer Jan Koum den Deal beschlossen haben.

Am Tag nach der großen Nachricht machte ich mich auf die Suche nach Alternativen. Eine App, bei der ich keine Gewissensbisse bekomme. Denn, auch wenn Facebook mittlerweile ein erwachsener Player auf dem Spielplatz Silicon Valley ist, es ist ein zu Mächtiger. Beim Datenschutz geht es auch darum, Informationen aufzuteilen. Ganz wie in Demokratien mit Macht verfahren wird. Und Daten sind mittlerweile große Macht. Nicht einer soll alles haben. Und auch ein armer Wurm kann ein bisschen rebellieren, um ruhig schlafen zu können.

Dieser Artikel erschien zuvor in der Badischen Zeitung und auf fudder.de.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130583 2014-01-05T09:39:00Z 2017-02-12T09:39:34Z Das Internet ist nicht krank – es ist erwachsen

Im Internet über das Internet reden. Das ist die neue Meta-Ebene, die im Moment voll im Trend ist. Der Tonfall ist meist pessimistisch, von Krankheit oder einem Defekt ist oft die Rede. Kürzlich klagte Sascha Lobo seinen Schmerz über sein Trauma durch die NSA-Überwachung. An anderer Stelle fürchtet Martin Weigert, dass das freie Netz zerbricht und sich geschlossene Apps durchsetzen werden. Es gibt viel Grund zu klagen, wütend zu sein. Die Diagnose ist allerdings falsch, das Netz ist nicht krank, es wird einfach erwachsen.

Jeden Tag zählt das weltweite Netz etwa 218.000 neue Nutzer. Unternehmen wie Google oder Facebook gehören mittlerweile zu den wertvollsten Marken der Welt. Das Internet der Dinge steht vor der Tür, kein Bereich des Lebens ist bald nicht vernetzt. Sieht so eine kaputte Technologie aus? Warum also jammern? Was alteingesessene Nutzer eigentlich stört ist das Platzen eines ideologischen Traums. Das Internet als offenes, zugängliches Informationsnetz. Das Internet als Allgemeingut. Gibt man bei Google Scholar die Begriffe "internet democracy" ein, findet man 535.000 Treffer. Amazon hat über 300 Bücher zum genannten Thema im Angebot. Nicht nur die Wissenschaft, auch die meisten Pioniere des Netzes hatten diese Hoffnung. Das Netz als kreativer, chaotischer Raum zur Selbstverwirklichung und Teilhabe. Einloggen und jeder Mensch ist gleich reich an Informationen. 

Und nun? Kommerz, Überwachung und geschlossene Ökosysteme. Vor 15 Jahren stand das Internet da, wo jetzt Technologien wie 3D-Drucker, Drohnen oder selbstfahrende Autos in der Entwicklung stehen. Es war in den Kinderschuhen, angetrieben und entwickelt von Spartenindustrien (meist dem Militär) und kurz darauf Spielzeug von Tüftlern und Nerds. Die Drohne ist ein guter Vergleich. Im Militär lange etabliert, dürfte die Zahl der Drohnen-Besitzer unter Piraten-Wählern ungleich hoch sein. Denn es sind Bastler, die sich etwas kaufen nur dem Spieltrieb wegen. Praktischer Nutzen? Zweitrangig. Doch die Technik (so denn sie erfolgreich ist) entwickelt sich weiter. Sie wird interessant für die kommerzielle Nutzung (Apps und geschlossene Stores) und Politik (Überwachung) – letztlich kommt sie in der breiten Masse an.

Die kleine Gruppe an Pionieren, die die Technik ideologisch aufgeladen haben, rümpfen die Nase. Ihr Spielzeug ist verschmutzt, der Geek-Faktor verflogen. Die Technik ist erwachsen geworden. Eigentlich würden die jetzt klagenden Nerds einfach weiterziehen zum nächsten womöglich "großem Ding". Nicht so mit dem Internet. Wir alle sind angewiesen auf die Technik, denn sie ist die größte technologische Revolution seit der Industrialisierung. Sie gehört zu diesem Planeten. Und da die Technik nicht defekt ist (also nicht repariert werden kann), sondern einfach erwachsen geworden ist (und wir die Uhr nicht zurückdrehen können) sind wir machtlos. 

Das Internet ist nicht der Allheilsbringer geworden, den wir uns erhofft haben. Es war eigentlich auch naiv dies anzunehmen. Das Internet demokratisiert nicht, der Markt regelt sich nicht von selbst. Es sind nur Systeme und Technologien. Die "vierte Kränkung der Menschheit" von der Sascha Lobo spricht, ist eigentlich nur der sentimentale Gedanke eines Vaters, der seine Kinder beim Aufwachsen zuschaut. Die eigene Vorstellung, die aufgeladene Ideologie, ist entwichen. 

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130582 2011-06-09T08:37:00Z 2017-02-12T09:38:15Z Prozessjournalismus: Die Mentalität des Unfertigen

Keine Frage, die journalistischen Arbeitsweisen werden gerade einem Wandel unterzogen. Dazu ein lesenswertes Beispiel von Brian Stelter über seine Berichterstattung aus dem vom Tornado verwüsteten Joplin. In den letzten fünf Jahren haben sich die Werkzeuge für Journalisten grundlegend verändert. Twitter, Facebook, Blogs, Smartphones, Wlan, UMTS, YouTube, Breitbandinternet. Wie immer, wenn neue Technologien Einzug erhalten, sollte man sich diese kritisch vornehmen. Nur weil etwas möglich ist, muss es nicht getan werden. Es scheint im Moment durchaus zwei Strömungen von Argumentationen zur Frage welche Konsequenzen der Wandel hat zu geben. 

Recht willkürlich dazu ein aktuelles Statement von Stefan Aust, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur: 

Ein klassisches Nachrichtenmagazin könnte auf Dauer nicht überleben. Selbst wenn man exklusive Nachrichten hat, was auch nicht jeden Tag der Fall ist, sind die veraltet, bevor die Druckmaschinen angelaufen sind. Sie müssen also sehr viel mehr in die Tiefe gehen, Hintergründe ausleuchten, Zusammenhänge herstellen. Und vor allem eigene Einfälle haben. Sie müssen eine eigene Position einnehmen.

Hintergrundig und exklusiv müssen Artikel sein. Eine Aussage, die mindestens so alt wie das Privatfernsehen in Deutschland ist. Aber, in Zeiten der Lawinen von Agenturmeldungen im Internet, eine gute Strategie. Dem gegenüber steht nun die eingangs erwähnte Arbeitsweise von Brian Stelter. Direkte, ungefilterte Berichterstattung vom Ort des Geschehens. Diese wird in kleinen Bröckchen ausgesendet und baut aufeinander auf. Die Berichterstattung ist dabei mehr als ein Prozess zu verstehen. Eine Arbeitsweise, die immer beliebter wird, wie sich in der zunehmenden Anzahl von Live-Tickern (hier wird das Phänomen bereits 2002 beschrieben) feststellen lässt. Jeff Jarvis hat bereits öfters über diese direkte Berichterstattung geschrieben. Er nennt es Process Journalism. Die Idee dahinter beschreibt er hier wie folgt: 

The notion that news comes in and stories go out — text and photos come in and paper goes out — is an artifact of the means of production and distribution, of course. Now a story never begins and it never ends.

Kurzum schränkt das Internet die journalistische Berichterstattung nicht mehr ein. Keine festen Deadlines, kein begrenzter Platz. Diesem Fluss sollte sich die Art der Berichterstattung anpassen. Und eben einen Artikel (mittlerweile hat Jarvis sogar diesen Begriff verworfen) als Prozess und nicht als fertiges Produkt verstehen. Ein sehr interessantes Thema, mehr zur “Idea of Process” unter anderem in diesem interessanten Interview

Wandel der Denk- und Arbeitsweise: Von Print nach Online

Stefan Aust und Jeff Jarvis haben beide Recht. Beide Sichtweisen begründen sich in der Schnelligkeit des Internets. Reine News sind nichts mehr wert, wenn sie nicht unmittelbar und schneller als die Konkurrenz verkündet werden. Um dieser Geschwindigkeit gerecht zu werden, bedarf es eines Umdenkens bei der Arbeitsweise. Für einen Journalisten bedeutet dies, dass mit dem Veröffentlichen eines Artikels das Thema nicht beendet ist. Ein Thema entwickelt sich immer weiter und dies muss (im selben Artikel) verfolgt werden. Der Trend zu Dossiers auf Nachrichtenseiten kommt diesem Fakt nach. Ein Themenfeld ist ein Prozess und genauso muss er online dargestellt werden. 

Das Problem lässt sich leicht nachvollziehen am Causa Kachelmann. Googelt man danach, findet man zahlreiche Artikel, aber alle sind mit hoher Wahrscheinlichkeit veraltet. Das liegt daran, dass die Artikel nicht weiter gepflegt werden. Würde man sie alle in einem übersichtlichen Dossier vereinen, oder gar alles in einem Artikel pflegen (was bei der Menge der Nachrichten im Fall Kachelmann wohl kaum funktioniert), wäre es dem Leser viel leichter möglich die Nachrichtenlage zu überblicken. Das ist natürlich erst mit der Plattform Internet möglich geworden. Das alte Denken rührt daher auch aus dem Printbereich. Ist ein Artikel erst einmal in Lettern auf Papier gedruckt und an die Kioske ausgeliefert worden, lässt sich schwerlich daran noch etwas ändern oder hinzufügen. 

Die Gefahr der Schnelligkeit

Die anfangs erwähnte Berichterstattung von Brian Stelter birgt aber zwei Gefahren: Oberflächlichkeit und Schludrigkeit. Dazu kann man auch darüber streiten, ob Meldungen wie diese irgendeine Berechtigung haben: 

Just realized my feet have been soaking wet for hours. Gonna change my socks now. Writing some overnight stories in #Joplin.

Jedenfalls hat der Reporter keine Möglichkeiten mehr Abstand zu einem Thema zu erlangen. Gerade bei Krisenberichterstattung ist das gefährlich. Er berichtet aus dem Gefühl, aus der Lage, aus der Situation. Dementsprechend gefärbt und emotional dürften die Meldungen sein. Doch neben der emotionalen Unzuverlässigkeit kommt auch fehlende Übersicht. Als Reporter vor Ort kann man eine Kriegs- oder Katastrophensituation nie überblicken. In der Regel hat die Heimatredaktion mehr Informationen über die Ticker bereits vorliegen. Deswegen ist es empfehlenswert die Eindrücke und Notizen erst einmal ruhen zu lassen und sich in Absprache mit der Redaktion auf den neusten Stand zu bringen. Dabei geht natürlich die Schnelligkeit verloren. Aber Gründlichkeit ist ein höheres Gut bei der journalistischen Berichterstattung. 

Schnelligkeit? Das machen heute andere

Die Frage ist auch, ob Stelter nicht überflüssige Arbeit macht. Denn Augenzeugen, die per Twittermeldungen, Fotos und Videos vom Ort des Geschehens berichten, gibt es mehr als genug. Twitter ist kein Werkzeug rein für Journalisten, sondern bringt jedem Bürger die Möglichkeit des Vor-Ort-Erzählens. Wir Journalisten sollten uns dabei auf unsere eigentlichen Aufgaben (einordnen, filtern, gegenchecken) und Vorteile (Recherchemöglichkeiten, Handwerk zum journalistischen Schreiben) besinnen. Dann sind wir auch wieder bei Aust. Wenn wir auf einem Feld nicht konkurrieren können oder schlimmer noch, es gar keinen Gewinn für die Leser/Zuschauer/Hörer bringt, sollten wir darauf verzichten. Also Rückzug auf Recherche, Kommentar und Qualität.

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130581 2011-05-10T08:36:00Z 2017-02-12T09:37:09Z Die gängelnde Branche der Journalisten

Regionale Streiks in der Zeitungsbranche haben in den letzten Wochen die immer schlechter werdende Situation von Journalisten aufgezeigt. Ob bei der Süddeutschen, dem Weser-Kurier oder der WAZ – überall wird gestrichen, gespart und deswegen auch gestreikt. Doch es scheint nichts zu nutzen. Die Karre fährt bald gegen die Wand und keiner weiß wie die Bremse funktioniert.

Ein Fotograf des Weser-Kuriers erzählte mir letztens, dass es für ihn in den vergangenen zehn Jahren keine Gehaltserhöhung gegeben habe. Nicht einmal ein Inflationsausgleich, also im Prinzip sinkende Löhne. Weihnachtsgeld und Zuschüsse oder gar volle Kostenübernahme für das technische Equipment eines Fotografen? Fehlanzeige.

Und Streiks scheinen den Verlag nicht zu beeindrucken. Vier Wochen haben sie einmal gestreikt, erzählt er. Aber die Zugeständnisse waren dieselben wie vor dem Streik. Freie Redakteure werden teilweise mit 26 Cent pro Zeile honoriert. Mehrfachveröffentlichungen nicht zusätzlich vergütet. Aber da ist der WK nur ein Beispiel von vielen. Kürzlich suchte die Plattform pc-welt.de freie Mitarbeiter. Für 300-500 Zeichen solle man zwischen 10 und 15 Euro bekommen. Der DJV echauffierte sich:

Kein freier Journalist sollte seine Leistungen zu solchen Konditionen anbieten.

Doch Journalisten und Gewerkschaften passen nicht so recht zusammen. Stahlarbeiter und Gewerkschaften, ja. Aber Journalisten sind oft Eigenbrötler. Dazu auch noch sehr gut gebildete. Streikender Klassenkampf liegt uns fern. Wir sind es gewohnt keine Akteure zu sein, sondern objektive Beobachter, die die Probleme anderer dokumentieren.

Vielleicht dreht sich deswegen das Rad der Entwicklung in der Medienbranche so langsam. Vielleicht ergreift deswegen keiner die Initiative und schreit “Ja, wir haben ein Problem und wir (ja, vielleicht gibt es auch ein “wir” bei Journalisten), müssen es lösen.”

Wo liegen die Probleme?

Die Auflagenzahlen und Honorare sprechen für sich. Sind aber nur Symptom und nicht Ursache für die Branche. Während seit einem Jahr die deutsche Wirtschaft straff anzieht, ändert sich bei den Printmedien nichts zum Positiven (oder überhaupt). Die Branche hat kein konjunkturelles Problem, sie hat u.a. ein systematisches. Die Verlagschefs wissen schlicht nicht mehr, wie sie Geld verdienen sollen. Die Digitalisierung und die Kostenloskultur (die, so sagen es ja einige, ein in Stein gemeißeltes Naturgesetz ist) machen den traditionellen Markt kaputt. Darüber wird gejammert, aber passieren tut nichts.

Doch das Problem ist nicht nur systematisch. Es ist auch personell. Die Verleger scheinen in einer resignierten Abwehrhaltung zu erstarren. Dabei sind sie es, die für ein funktionierendes Geschäftsmodell zu sorgen haben. Und wenn sie es nicht schaffen, dann versagen sie beruflich. So gilt es in jeder Branche, nur im Zeitungswesen scheinen böse Dämonen die Auflage zu erschüttern. Und gegen die ist kein Kraut gewachsen.

Walter Schweinsberg, Geschäftsführer der Mediengruppe Oberfranken, sagte gegenüber dem Journalist:

Sollten also Gehaltsstrukturen in der Redaktion angepasst werden müssen, hätte dies für uns seinen Ursprung immer nur im Markt und nicht in der Renditemaximierung des Unternehmens.

Würde solch eine Aussage von einem Finanz-Manager kommen, würde ich kein Wort glauben. Herrn Schweinsberg glaube ich. Allerdings macht das die Aussage nicht besser. Man könnte vermuten, dass Schweinsberg fest daran glaubt, dass sich der Markt an ein wirtschaftliches Unternehmen anpassen müsse – und nicht andersherum.

Genau das zeigt ein Problem der Branche auf. Flexibilität und Ideen scheinen zu fehlen. Der Status Quo wird einfach anerkannt. Das ist ökonomischer Driss und zeugt von der schlechten Führungsliga bei den Zeitungsverlagen.

Und jetzt?

Meine Hoffnung: Journalismus wird immer Journalismus bleiben. Was sich ändern wird, ist das System in dem er eingebettet ist. Das Verlagswesen wird aufhören traditionell zu denken. Vertriebswege werden sich ändern und die (nicht-journalistische) Produktvielfalt sich vergrößern. Damit meine ich die nicht-journalistische Produktvielfalt der Verlage, nicht die der Redaktionen.

Vor allem wird man aber versuchen müssen, dem Teufelskreis aus Kostenreduzierung, sinkender Auflage und mangelndem Geschäftsmodell zu entkommen. Man wird aufhören halbherzig kostenlose Inhalte auf den Internetsparten zu verschleudern und lernen, dass Qualität auf Dauer siegen wird. Doch für das Erreichen der nötigen Qualität muss erst der Wille und die Überzeugung erzeugt werden. Wie Wolf Schneider es einst formulierte, Qualität kommt von Qual und für das Aushalten von Qual muss die Überzeugung größer sein.

Wir alle müssen Überzeugungstäter werden. Überzeugt von der Zukunft des hochwertigen Journalismus, dem Erfolgsmodell Online und dem fest reservierten Platz in der Gesellschaft für unsere Arbeit.

Und wenn alles nichts hilft? Wenn die Karre einfach weiterfährt? Abspringen! Wer merkt, dass er in einem verkrusteten und manövrierunfähigem System feststeckt, der muss das System entweder zerbrechen (unwahrscheinlich) oder austreten. Austreten aus dem gigantischen Verlagswesen ist leichter als je zuvor. Das Internet ermöglicht Artikel 5 im Grundgesetz (Das Recht seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern) spielend leicht zu nutzen.

Das Internet ist eine Plattform für alle. Jeder hat die Chance, sich Gehör zu verschaffen. Eine Chefetage, Büro, Druckerei, Anzeigenabteilung ist nicht zwingend notwendig. Et voilà! 

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Dominik Schmidt
tag:sludern.com,2013:Post/1130580 1985-08-25T08:34:00Z 2017-04-21T12:10:17Z Hallo Welt :) ]]> Dominik Schmidt