Prozessjournalismus: Die Mentalität des Unfertigen

Keine Frage, die journalistischen Arbeitsweisen werden gerade einem Wandel unterzogen. Dazu ein lesenswertes Beispiel von Brian Stelter über seine Berichterstattung aus dem vom Tornado verwüsteten Joplin. In den letzten fünf Jahren haben sich die Werkzeuge für Journalisten grundlegend verändert. Twitter, Facebook, Blogs, Smartphones, Wlan, UMTS, YouTube, Breitbandinternet. Wie immer, wenn neue Technologien Einzug erhalten, sollte man sich diese kritisch vornehmen. Nur weil etwas möglich ist, muss es nicht getan werden. Es scheint im Moment durchaus zwei Strömungen von Argumentationen zur Frage welche Konsequenzen der Wandel hat zu geben. 

Recht willkürlich dazu ein aktuelles Statement von Stefan Aust, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur: 

Ein klassisches Nachrichtenmagazin könnte auf Dauer nicht überleben. Selbst wenn man exklusive Nachrichten hat, was auch nicht jeden Tag der Fall ist, sind die veraltet, bevor die Druckmaschinen angelaufen sind. Sie müssen also sehr viel mehr in die Tiefe gehen, Hintergründe ausleuchten, Zusammenhänge herstellen. Und vor allem eigene Einfälle haben. Sie müssen eine eigene Position einnehmen.

Hintergrundig und exklusiv müssen Artikel sein. Eine Aussage, die mindestens so alt wie das Privatfernsehen in Deutschland ist. Aber, in Zeiten der Lawinen von Agenturmeldungen im Internet, eine gute Strategie. Dem gegenüber steht nun die eingangs erwähnte Arbeitsweise von Brian Stelter. Direkte, ungefilterte Berichterstattung vom Ort des Geschehens. Diese wird in kleinen Bröckchen ausgesendet und baut aufeinander auf. Die Berichterstattung ist dabei mehr als ein Prozess zu verstehen. Eine Arbeitsweise, die immer beliebter wird, wie sich in der zunehmenden Anzahl von Live-Tickern (hier wird das Phänomen bereits 2002 beschrieben) feststellen lässt. Jeff Jarvis hat bereits öfters über diese direkte Berichterstattung geschrieben. Er nennt es Process Journalism. Die Idee dahinter beschreibt er hier wie folgt: 

The notion that news comes in and stories go out — text and photos come in and paper goes out — is an artifact of the means of production and distribution, of course. Now a story never begins and it never ends.

Kurzum schränkt das Internet die journalistische Berichterstattung nicht mehr ein. Keine festen Deadlines, kein begrenzter Platz. Diesem Fluss sollte sich die Art der Berichterstattung anpassen. Und eben einen Artikel (mittlerweile hat Jarvis sogar diesen Begriff verworfen) als Prozess und nicht als fertiges Produkt verstehen. Ein sehr interessantes Thema, mehr zur “Idea of Process” unter anderem in diesem interessanten Interview

Wandel der Denk- und Arbeitsweise: Von Print nach Online

Stefan Aust und Jeff Jarvis haben beide Recht. Beide Sichtweisen begründen sich in der Schnelligkeit des Internets. Reine News sind nichts mehr wert, wenn sie nicht unmittelbar und schneller als die Konkurrenz verkündet werden. Um dieser Geschwindigkeit gerecht zu werden, bedarf es eines Umdenkens bei der Arbeitsweise. Für einen Journalisten bedeutet dies, dass mit dem Veröffentlichen eines Artikels das Thema nicht beendet ist. Ein Thema entwickelt sich immer weiter und dies muss (im selben Artikel) verfolgt werden. Der Trend zu Dossiers auf Nachrichtenseiten kommt diesem Fakt nach. Ein Themenfeld ist ein Prozess und genauso muss er online dargestellt werden. 

Das Problem lässt sich leicht nachvollziehen am Causa Kachelmann. Googelt man danach, findet man zahlreiche Artikel, aber alle sind mit hoher Wahrscheinlichkeit veraltet. Das liegt daran, dass die Artikel nicht weiter gepflegt werden. Würde man sie alle in einem übersichtlichen Dossier vereinen, oder gar alles in einem Artikel pflegen (was bei der Menge der Nachrichten im Fall Kachelmann wohl kaum funktioniert), wäre es dem Leser viel leichter möglich die Nachrichtenlage zu überblicken. Das ist natürlich erst mit der Plattform Internet möglich geworden. Das alte Denken rührt daher auch aus dem Printbereich. Ist ein Artikel erst einmal in Lettern auf Papier gedruckt und an die Kioske ausgeliefert worden, lässt sich schwerlich daran noch etwas ändern oder hinzufügen. 

Die Gefahr der Schnelligkeit

Die anfangs erwähnte Berichterstattung von Brian Stelter birgt aber zwei Gefahren: Oberflächlichkeit und Schludrigkeit. Dazu kann man auch darüber streiten, ob Meldungen wie diese irgendeine Berechtigung haben: 

Just realized my feet have been soaking wet for hours. Gonna change my socks now. Writing some overnight stories in #Joplin.

Jedenfalls hat der Reporter keine Möglichkeiten mehr Abstand zu einem Thema zu erlangen. Gerade bei Krisenberichterstattung ist das gefährlich. Er berichtet aus dem Gefühl, aus der Lage, aus der Situation. Dementsprechend gefärbt und emotional dürften die Meldungen sein. Doch neben der emotionalen Unzuverlässigkeit kommt auch fehlende Übersicht. Als Reporter vor Ort kann man eine Kriegs- oder Katastrophensituation nie überblicken. In der Regel hat die Heimatredaktion mehr Informationen über die Ticker bereits vorliegen. Deswegen ist es empfehlenswert die Eindrücke und Notizen erst einmal ruhen zu lassen und sich in Absprache mit der Redaktion auf den neusten Stand zu bringen. Dabei geht natürlich die Schnelligkeit verloren. Aber Gründlichkeit ist ein höheres Gut bei der journalistischen Berichterstattung. 

Schnelligkeit? Das machen heute andere

Die Frage ist auch, ob Stelter nicht überflüssige Arbeit macht. Denn Augenzeugen, die per Twittermeldungen, Fotos und Videos vom Ort des Geschehens berichten, gibt es mehr als genug. Twitter ist kein Werkzeug rein für Journalisten, sondern bringt jedem Bürger die Möglichkeit des Vor-Ort-Erzählens. Wir Journalisten sollten uns dabei auf unsere eigentlichen Aufgaben (einordnen, filtern, gegenchecken) und Vorteile (Recherchemöglichkeiten, Handwerk zum journalistischen Schreiben) besinnen. Dann sind wir auch wieder bei Aust. Wenn wir auf einem Feld nicht konkurrieren können oder schlimmer noch, es gar keinen Gewinn für die Leser/Zuschauer/Hörer bringt, sollten wir darauf verzichten. Also Rückzug auf Recherche, Kommentar und Qualität.