Quartz zeigt uns die Zukunft vom Online-Publishing

Manchmal ist es ein tolles Gefühl Fan von etwas zu sein. Viele sind Fans von Fußballclubs, Urlaubszielen oder Automarken. Ich übrigens vom SC Freiburg, Kroatien und Volvo. Für Medienmarken ist es wesentlich schwieriger eine Fan-Base aufzubauen. Klar, es gibt die sehr prestigeträchtigen Marken wie die New York Times, der Spiegel oder das Time Magazine. Aber das Verhältnis zum Leser ist in diesen Beispielen meist weniger durch Emotionen (und das macht einen Fan aus), sondern vielmehr durch Vertrauen, Tradition und Qualität geprägt. Ein News-Outlet hat es in den letzten Monaten allerdings geschafft, dass ich Fan geworden bin: Quartz. Ich könnte also etwas eingenommen klingen, aber der News-Nerd in mir freut sich einfach.

Für das digitale Zeitalter gemacht und mit genug Geld versorgt

Wie konnte es das junge Medienunternehmen auf mittlerweile 16 Millionen monatlicher Besucher (September 2016) bringen? Ich glaube vor allem aus diesen zwei Gründen:

  • Das junge Projekt hat von Beginn an auf die Möglichkeiten und die Anforderungen des digitalen Journalismus gesetzt. Keine alten Zöpfe, die erst gekappt werden müssen oder Generationenkonflikte zwischen On- und Offline. Quartz hat auf den wachsenden Markt der mobilen Internetnutzung gesetzt und ist 2012 mit einer mobile-first Website gestartet. Quartz hat all das einfach mal umgesetzt, über das die Szene seit Jahren sinniert. In der Selbstbeschreibung wird das ganz treffend beschrieben: „Like Wired in the 1990s and The Economist in the 1840s, Quartz embodies the era in which it is being created.“
  • Man hat ordentlich Geld in die Hand genommen und konnte durch das Mutterunternehmen Atlantic Media Mitarbeiter von Bloomberg, Wall Street Journal und der New York Times gewinnen. Ein schnelles Wachstum war auch durch regionalisierte Ausgaben möglich. So startete Quartz mit Indien (2014) und Afrika (2015) erste Ableger, weitere sollen folgen.

Mein zweites Argument trifft auch auf andere junge Medienunternehmen wie Gawker Media, Vox Media oder erfolgreiche neue Publikationen wie Buzzfeed und Business Insider. Jeder hat davon Innovationen hervorgebracht. Quartz hat nun aber eine sehr interessante Neuentwicklung vorgestellt: eine News-App fürs iPhone.

Eine News-API für verschiedene Medien

Man hat sich viel Zeit mit der ersten App gelassen. Etwas ungewöhnlich für ein modernes Publishing-Unternehmen. Das liegt aber vor allem an dem Selbstverständnis von Quartz und dem Chefredakteur Zachary Seward. Er beschreibt Quartz als eine API. Ich bin großer Fan dieser Sichtweise. Entscheidend sind die Inhalte, die von fähigen Redakteuren „eingespeist“ werden. Inhalte sind das zentrale Produkt und können dann über verschiedene Kanäle verwertet werden. 

Before we built qz.com, we built the Quartz API. (On day one, someone had already started playing with it.) Today the API’s primary customer remains qz.com, but it could go in all sorts of directions. Our philosophy has always been to put as little friction as possible between us and our readers, and our API is an advantage in living up to that ideal.

Die Website ist dabei eine Art Stream der API. Hier bekommt man eine Übersicht aktueller Artikel. Bewusst gibt es aber keine prominente Kategorisierung oder Gewichtung der Inhalte. Dafür sind anddere und eigenständige Produkte zuständig. Zum Beispiel der tägliche Newsletter „Daily Brief“. Dieser beschränkt sich auf wenige Themen und Links und bietet für die Mehrzahl der Leser eine ausreichende Filterung für die wesentlichen News. Dabei agiert der Newsletter recht eigenständig von der Website. Andere News-Outlets werden verlinkt und angeteasert, man versucht nicht mit allen Mitteln die Leser auf Qz.com zu schicken:

We’ve all met people who, when you say you work for Quartz, start gushing, “Oh, I loooooove the email.” And then you keep talking and start to realize that they don’t even know that Quartz is a website, too, or at least don’t visit it much.

Die API ermöglicht der Redaktion die Inhalte dorthin zu bringen, wo die Leser auch sind. Das zeigt der erfolgreiche „Daily Brief“ und das soll nun auch die neue App bewerkstelligen.

Die App setzt auf einen Messenger-Stil und Notifications

Warum hat man sich also so lange Zeit für die App gelassen? Laut Eigenbeschreibung zielt Quartz doch vor allem auf Mobile und Tablets? Quartz hat aus zwei Gründen gezögert:

  1. Man wollte keine zusätzliche Barriere zwischen Leser und Inhalten haben (App Stores, verschiedene OS, Sharing)
  2. Man suchte nach der richtigen Idee. Eine simple Abbildung der Website in einer App schien keine sinnvolle Lösung.

So sagte Zachary Seward vor fast vier Jahren gegenüber AllThingsD: „It seems very clear that the Web is far more suited for sharing of news and articles, and we want everybody to access our stuff…“. Heute hört sich das bei Herausgeber Jay Lauf so an: 

One of the things that changes the landscape with apps is notifications. Notifications are an increasingly popular mechanism for staying abreast of news and information and staying connected with brands. Apps certainly give you the opportunity for that. This app also allows us to experiment with different content types, and ways of executing our journalism that are more native to an app environment than they are to a web environment.

Die App ist wirklich experimentell und hat vor allem eine Funktionsweise, die sich im Web so nicht umsetzen lassen würde. Sie kommuniziert mit dem Leser. Zwar sehr eingeschränkt, man bekommt immer zwei Optionen als Antwort, also ähnlich wie bei einem Point-and-Click-Adventure (oder auch „Pseudodialog“). Sewards beschreibt das Interface im Kern so: "somewhere between a 'choose your own adventure' interface, and a chat with a friend, and a serious news briefing“. 

Außer dem für eine News-App ungewöhnlichen Interface, fallen mir einige weitere Sachen auf:

  • Die Menge der Nachrichten ist beschränkt. Meist gibt es in etwa 4-5 Meldungen, danach ist man durch. Sehr angenehm, man bekommt das Gefühl alles erledigt zu haben und über das Wichtigste informiert zu sein. Perfekt zum Überbrücken von kurzen Wartezeiten.
  • Durch das aktive Entscheiden des Lesers, ob er an einer Nachricht interessiert ist, gewinnt Quartz sicherlich wichtige Daten über die Interessen der Leser.
  • Die Quartz-Macher zeigen wieder, dass sie eine internetaffine Leserschaft ansprechen. Man greift nerdige Trends wie Emoticons, GIF-Animationen und ein stark an iMessage orientiertes Layout auf.

Die App hat Potenzial. Ich genieße die Berechenbarkeit des Layouts: Die Werbung ist simpel eingebettet, es gibt keine Überraschungen, die die Bedienung stören würden. Eventuell wird das Frage-Antwort-Spiel mit der Zeit langweilig, aber Quartz hat einmal mehr gezeigt, dass man nicht den gewohnten Denkmustern folgt, sondern News über neue Kanäle verbreiten möchte. Und damit eben auch wirklich die technischen Möglichkeiten ausnutzt und die neuen Verhaltensmuster der Leser beachtet. 

Das Internet ging auf die neue App jedenfalls Steil und es gibt einige hochwertige Leseempfehlungen dazu. Check it out:

  • NiemanLab: With an interface that looks like a chat platform, Quartz wants to text you the news in its new app
  • Zeit.de: Im Chat mit dem Weltgeschehen
  • Vocer: Meinungen zur neuen Quartz-App
  • Meshedsociety.com: Quartz’s New App Has Come Half Way in Reinventing News
  • Medium.com (Johannes Klingebiel): What is Conversational Journalism?